16. Juni 2016

RezensionHeinrich August Winkler: Geschichte des Westens

Die Zeit der Gegenwart

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Um dieses Werk zu bewerten, muss es im Kontext des vierbändigen Zyklus „Geschichte des Westens“ gesehen werden. Heinrich August Winkler, einer der bedeutendsten deutschen Historiker der Gegenwart, hat zwölf Jahre seines Lebens darauf verwendet, unsere Lebensrealität und ihren Ursprung zu ergründen. Diese Jahre waren nicht vergebens. Es erwarten den Leser keine großartigen Bilder und Geschichten. Vielmehr gibt uns der Autor die Möglichkeit, mit Hilfe präzise zusammengefügter Tatsachen einzutauchen in unsere Geschichte und den Ursprung dessen, was heute unser Denken und Handeln bestimmt. „Die Zeit der Gegenwart“ nun ist sicher das gefährlichste Gebiet für einen Historiker. Zu nahe sind die Ereignisse, zu persönlich das individuelle Erleben. Trotzdem gelingt es dem Autor hier meist, Fakten und Meinung zu trennen. Allein der Versuch ist bewundernswert, und wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein. Das dem bekennenden SPD-Mitglied und Willy-Brandt-Verehrer diese Distanz gelingt, liegt am methodischen Vorgehen Winklers, der bewusst auf Erläuterungen und Ausführungen verzichtet und Werturteile nie ohne größte Not fällt. Alleine die Erläuterungen der Vorgänge im Bosnienkrieg ohne ideologische Scheuklappen zu meistern und die Wirren dieses Konflikts chronologisch richtig und verständlich zu vermitteln, zeigt den Meister seines Fachs. Was bei allen Büchern der Reihe hervorsticht, ist die klare Positionierung zu Demos und Libertas, und er wird nicht müde, den Mangel und die Wichtigkeit von beidem für das Erfolgsmodell „Westen“ einzufordern. Er erzählt, wie die EU aus der Machtvollkommenheit einiger weniger Politiker entstand und welche Probleme ihre mangelnde demokratische Legitimation erzeugt. Kein Buch für jedermann, zur Lektüre gehört ein langer Atem, insbesondere für das Gesamtwerk. Aber jede Zeile lehrt uns eins: Die Realität ist immer verrückter als die Phantasie.


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