15. Juni 2016

RezensionYanis Varoufakis: Europa kaputt?

Für das Ende der Alternativlosigkeit

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Der Name des griechischen Kurzzeitministers wirkt wie ein Magnet, wenn er ein Buch zur Krise der EU ziert. Das Büchlein enthält die Aufzeichnung einer im Oktober 2015 in Berlin über die Bühne gegangenen Diskussionsveranstaltung, an der eine Reihe profilierter linker Intellektueller teilnahmen, sowie einen Essay mit dem verheißungsvollen Titel „Europa ins Leben rufen“. Star der Show war Yanis Varoufakis, einige Wochen lang der Schrecken aller EU-Granden. Seinen Mitdiskutanten fallen kleinere Rollen als Fragesteller und Stichwortgeber zu. Interessant immerhin, dass der Exminister beiläufig erklärt, dass Griechenland in den Jahren 2009/10 pleite war. Zu dieser Sprachregelung konnte sich seinerzeit keiner der mit der Bewältigung des hellenischen Schuldendebakels befassten Politiker durchringen. „Wenn man verschuldet ist, sollte man niemals einen neuen Kredit aufnehmen, von dem man weiß, dass man ihn nicht zurückzahlen kann“, so Varoufakis‘ grundvernünftige Erkenntnis. Er sei deshalb zurückgetreten, weil Schäuble und Co Griechenland zur Aufnahme ruinöser neuer „Plünderkredite“ genötigt hätten. Dass der Balkanstaat anno 2010 bereits bei einer Staatsschuldenquote von 120 Prozent lag, scheint seine Haltung zu bestätigen. Außer um griechische Schuldenprobleme und um Fehler der Konstruktion der EU kreist die Debatte um ungelöste Probleme der Linken. Konsistente Antworten auf die sich Europa gegenwärtig stellenden Fragen – wie die der Massenimmigration – sind nicht zu finden. Es ist für den bürgerlichen Beobachter nicht ohne Reiz, die linke Intelligenzija im eigenen Saft schmoren zu sehen: mehr Internationalismus, weniger Nationalstaat und mehr Demokratie. Bemerkenswert ist nur die naive Vorstellung, Europa könne und müsse dem Islam die Zähne ziehen, indem man ihm verordnet, unpolitisch zu werden. Längere Aufenthalte im Elfenbeinturm ruinieren sichtlich die Urteilskraft.


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