14. Juni 2016

RezensionMichael Klonovsky: Die Liebe in Zeiten der Lückenpresse

Reaktionäres vom Tage

Artikelbild

Nun liegt nach „Bitte nach Ihnen“ der zweite geschmackvoll gestaltete Sammelband mit Texten aus Michael Klonovskys online veröffentlichten „Acta diurna“ vor, diesmal unter dem an García Márquez angelehnten Titel „Liebe im Zeitalter der Lückenpresse“. Es erzeugt einen seltsamen Zwiespalt, das wie stets liebevoll gestaltete Diarium am Strand eines mediterranen Eilands zu lesen, das bis vor wenigen Monaten als Anlaufstelle für gen Europa strebende illegale Einwanderer Schlagzeilen machte. Geradezu gespenstisch erscheinen die im Buch geschilderten Ereignisse und Entwicklungen innerhalb des heimatlichen Gemeinwesens, dessen selbsternannte Eliten inzwischen auch den letzten Rest an Vernunft, Ordnung und Selbsterhaltungswillen auf dem Altar einer imaginierten Hypermoral zu opfern bereit sind. Die im Diarium pointiert und in geschliffener Sprache aufgeführten Belege kollektiven Wahns und kulturellen Verfalls sprengen in ihrer Fülle den Rahmen einer Besprechung, weshalb ich mich auf einige besonders treffende Wortschöpfungen des Autors beschränken möchte. „Maulheldenmut“ zum Beispiel bedarf keiner weiteren Erläuterung, da er für die politisch-mediale Kaste längst symptomatisch ist. Ähnliches gilt für Begriffe wie „Betroffenheitsathleten“ oder „Lippenbekenntnisautomaten“, mit denen die „Sachwalter moralischen Herrenmenschentums“ ebenso trefflich beschrieben werden. Als treibende Kraft identifiziert der Autor alsbald die „Grünen“, die wohl widerwärtigste, verlogenste und heuchlerischste Partei seit der Abdankung des SED-Regimes. Besonders hart geht der Autor mit jenen Herrschaften ins Gericht, deren Profession er bis vor kurzem teilte, den „journalistischen Meutenfeiglingen“, „Betroffenheitssimulanten“ oder „Einwanderungsbeschleunigungspropagandisten“. Und in der Tat hat die Medienlandschaft hierzulande einen Grad an Verlogenheit und Propagandapenetranz erreicht, der selbst George Orwells düsterste Visionen übertrifft. Insbesondere der Umgang der Medien mit unterstellten „Staatsfeinden“ wie Pegida oder dem zur Unperson erklärten Schriftsteller Akif Pirinçci findet im Diarium ausgiebige Würdigung. Doch nicht nur die Zunft „vergaunerter Journalisten-imitate“ schreitet auf dem Weg in die Gesinnungsdiktatur wacker voran, auch die Gilde ideologiegetriebener Staatskünstler leistet ihren willfährigen Beitrag, wie der Autor am Beispiel des menschenverachtenden Propagandastücks „Fear“ beschreibt, das unlängst an der einstmals renommierten Berliner Schaubühne zur Aufführung gebracht wurde. Neben Aktuellpolitischem findet der Leser des Diariums auch zwei ausführliche Rezensionen zu Michel Houellebecqs „Unterwerfung“ und Jean Raspails visionärem Klassiker „Das Heerlager der Heiligen“ sowie einige Ausflüge in klassisch-kulturelle Gefilde. Dabei vermag der Rezensent die formale Kritik an Gottfried Benns Gedichten nicht vollständig zu teilen, da logische Stringenz nicht unbedingt das entscheidende Kriterium bei der Beurteilung lyrischer Texte sein sollte. Das Buch schließt mit einem Ausblick auf mögliche zukünftige Entwicklungen, der zwangsläufig nicht besonders hoffnungsfroh ausfällt. Der Zustand einer Gesellschaft und das Vertrauen in die Kompetenz und Handlungsfähigkeit von Politik und Sicherheitsorganen lassen sich auch an der Nachfrage nach Selbstverteidigungswaffen beurteilen. Der schon seit Monaten anhaltende Verkaufsboom lässt den Schluss zu, dass immer mehr Bürger die Befürchtungen des Autors teilen. Vielleicht wird einmal die Zeit kommen, in der Michael Klonovskys Werk „Die Liebe in Zeiten der Lückenpresse“ Lehrstoff für den literarischen Schulunterricht für die Kinder der Überlebenden sein wird, als Chronik und Warnung zugleich. Hoffen wir gemeinsam, dass es nicht so weit kommt. Bekanntlich ist kein Übel so groß wie die Angst davor.


„Michael Klonovsky: Die Liebe in Zeiten der Lückenpresse – Reaktionäres vom Tage“ bei amazon.de kaufen


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

Dossier: Literatur

Mehr von Frank W. Haubold

Über Frank W. Haubold

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige