13. Juni 2016

AfD Lübeck zum Anschlag auf den Blauen Engel Die Guten dürfen das, die Bösen nicht

Gewalt ist Gewalt, ob von rechts oder von links

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Bildquelle: shutterstock Die Idylle trügt: Lübeck

Sie erinnern sich? „Der blaue Engel“ hieß ein Kinofilm aus dem Jahr 1930. In den Hauptrollen brillierten Marlene Dietrich und Emil Jannings. Als Vorlage diente der Roman „Professor Unrat“ von Heinrich Mann aus dem Jahr 1905. Wie in den „Buddenbrooks“ von Bruder Thomas Mann spielen auch in Heinrich Manns Roman damalige Lübecker Personen und Örtlichkeiten verklausuliert eine Rolle. So auch das einstige Vergnügungslokal in Lübecks Clemensstraße, im Roman mit dem Namen „Blauer Engel“ bedacht. („In einer etwas breiteren Twiete steuerten sie im Bogen auf ein weitläufiges Haus zu, mit ungeheurem Scheunentor, worüber vor dem Bilde eines blauen Engels eine Laterne schaukelte. Unrat vernahm Musik.“) Noch in meiner Lübecker Schülerzeit und darüber hinaus war diese Gasse mit ihren Liebedienerinnen Lübecks Rotlicht-Milieu, beidseitig zu diesem anrüchigen Ort versperrt mit hohen hölzernen Wänden, die nur einen schmalen, kontrollierbaren Zugang freiließen, um Jugendliche wie uns vor dem Anblick des sündhaften Treibens zu bewahren. Die Straße gibt es immer noch, den Blauen Engel gibt es wieder. Zu öffentlicher Aufmerksamkeit fand die Lokalität durch einen Anschlag.

Der Blaue Engel heute – ein Angriffsziel

Heute fungiert der Blaue Engel als Studentenkneipe und „Café Welcome“ für Asylsuchende sowie Kriegs- und Armutsflüchtlinge. Mitte April nachts haben Unbekannte dort drei Fensterscheiben eingeschmissen und zwei halbe Schweineköpfe in den Gastraum geworfen. Die „Lübecker Nachrichten“ schrieben von einem „rassistischen Angriff“. Die Lokalbetreiber werten den Anschlag ebenfalls „als rassistisch-politisch motivierten Angriff auf unseren Laden“. Es handele sich eindeutig um eine antimuslimische Botschaft. Der Tatverdacht richtet sich folglich gegen die rechtsextreme Szene, gegen „Neonazis“, gegen Ausländerfeindliche.

Gewalt ist Gewalt, ob von rechts oder links – Das dachte sich auch Lübecks AfD

Bekanntlich gibt es auch eine linksextreme Szene. Bekanntlich scheut auch sie nicht davor zurück, Rechtswidrigkeiten zu begehen und gewalttätig zu sein. Nach zumindest gefühlter Wahrnehmung hat sie in dieser Hinsicht sogar mehr auf dem Kerbholz als die rechtsextreme – auch wenn nach der Medienberichterstattung ein gegenteiliger Eindruck erzeugt wird. Aber Gewalt ist Gewalt – von welcher politischen Seite und mit welchen vermeintlich edlen Motiven auch immer. Ein Mittel der politischen Auseinandersetzung darf sie nicht sein. Das dachte sich auch die AfD Lübeck, die in der Innenstadt (häufig an Regenrohren von Häusern) alle möglichen kleinen Aufkleber wahrnimmt, die neben Verleumdungen auch zur Gewalt aufhetzen.

„FCK AfD – Kein Raum für Nazis & Rassisten“

Und so fotographierte sie, was sie fand, und schickte Ende Mai die Beispiele an die Redaktion der örtlichen „Lübecker Nachrichten“ mit folgendem Begleitbrief des Lübecker AfD-Vorstandes (die Zwischenüberschriften sind von mir eingefügt): „Sehr geehrte Damen und Herren, wie Sie wissen, hatte die AfD Lübeck den Vandalismus gegen die Gaststätte Blauer Engel zum Anlass nehmen wollen, gemeinsam mit den Geschädigten ein Zeichen gegen Gewalt als Mittel der politischen Auseinandersetzung zu setzen. Dazu wollten wir gemeinsam Aufkleber und Graffitis in der Lübecker Innenstadt dokumentieren, die zu solcher Gewalt aufrufen. Leider haben die Betreiber des Blauen Engel unser Angebot ausgeschlagen.“ – „Wir sind daher alleine losgezogen. Anbei erhalten Sie eine Auswahl der gefundenen Aufkleber. Überschlägig und ohne Anspruch auf Vollständigkeit wird darauf aufgerufen zu Mord/Totschlag/Körperverletzung/Vergewaltigung und was auch immer die Generalklausel ‚mit allen Mitteln‘ meint. Der Aufruf zu Landfriedensbruch und Landesverrat darf auch nicht fehlen. Als Opfer dieser Gewaltverbrechen sind ausersehen Nazis, Rassisten, Polizisten, Pegida, AfD, NPD, Identitäre, besorgte Bürger und die Mitte. Also jeder, der einem nicht passt und den man einfach mit einem dieser reichlich unbestimmten Etiketten versieht. Der Aufkleber ‚FCKAFD’, der zum ‚Ficken’ der AfD aufruft, ist übrigens beim Blauen Engel erhältlich, wie wir dessen Facebookseite entnehmen. Ob das auch für die übrigen Mord-und-Totschlag-Motive gilt, ist uns unbekannt.“

„Ganz Lübeck hasst die Polizei“

Weiter heißt es im Brief: „Sie hatten in der Vergangenheit dankenswerterweise über politische Gewalt gegen unseren Vorsitzenden Herrn Thomsen und gegen den Blauen Engel berichtet. Vielleicht können Sie ja auch diese massive Gewaltpropaganda im öffentlichen Lübecker Raum in Ihrer Berichterstattung aufgreifen. Wir können Ihnen dazu leider nur diese kleine Bestandsaufnahme zur Verfügung stellen. Mit weitergehenden Informationen zu Herkunft und Verbreitung dieser Gewaltpropaganda kann man Ihnen vielleicht im Blauen Engel weiterhelfen. Ein Wort des Dankes an dieser Stelle auch an die Mitarbeiter der Stadt, die augenscheinlich sehr fleißig Aufkleber abkratzen. Falls Sie sich des Themas annehmen sollten, bitten wir Sie, das nicht unerwähnt zu lassen. Mit freundlichen Grüßen…“

Bisher kein freundliches Dankeschön für den Tipp

Die Idee des Briefs, die Lokalzeitung möge doch bitte mit der gleichen Inbrunst auch über die Rechtswidrigkeiten und Aufhetzungen zur Gewalt der linksextremen Szene und über das „Antifa“-Treiben berichten, ist in jener Redaktion bisher nicht auf fruchtbaren Boden gefallen. Zumindest hat es bisher keine Empfangsbestätigungen für den Brief gegeben, geschweige denn ein freundliches Dankeschön für den Tipp. Abgesehen davon, dass die AfD Lübeck mit ihrem Ansinnen die Redaktion vermutlich damit beunruhigt, ihr einen Verstoß gegen deren „politische Korrektheit“ ebenso zuzutrauen wie auch zuzumuten, haben es Journalisten ohnehin nicht gerne, wenn sich ihre Kundschaft in ihre Arbeit einmischt und sich mit Ratschlägen aufdrängt.

„Hochaggressive Dummköpfe, die in Gewaltphantasien schwelgen“

Die AfD Lübeck hat den Brief nicht geschickt, weil sie erwartet, dass die Zeitung den Brief veröffentlicht. Derjenige, der den Brief entworfen hat, schrieb mir: „An tiefsitzenden Sympathien der ‚LN‘ für die Antifa und Abneigungen gegen die AfD können wir gewiss nichts ändern. Aber die Antifa besteht offensichtlich aus hochaggressiven Dummköpfen, die in Gewaltphantasien schwelgen, zu Überreaktionen neigen und nicht taktisch denken. Folglich könnten sie auch ihre Sympathisanten bei der ‚LN‘ einmal durch Maßlosigkeit hier in Lübeck (zum Beispiel schwere Körperverletzung an AfDler) in peinliche Situationen bringen. Ideologische Verblendung der ‚LN‘ schließt publizistischen Selbsterhaltungstrieb nicht gänzlich aus. Ich könnte mir vorstellen, dass künftige Berichterstattung der ‚LN‘ über die Antifa etwas seltener und distanzierter ausfällt. Außerdem haben wir bei dem ein oder anderen Antifaler Zweifel säen können (siehe entsprechende Beiträge auf der Facebook-Seite des Blauen Engel; dort wird von einigen Personen die Zurückweisung unseres Angebots als taktisch unklug oder an sich unpassend und unnötig brüsk gewertet).“

Die Guten dürfen das, die Bösen nicht

Dass die „Lübecker Nachrichten“ gern über Aktionen gegen „rechts“ und gegen die AfD berichten, zeigt ein vierspaltiger Artikel in der Ausgabe vom 26. Mai unter der Überschrift „Anti-AfD-Werbung: 50 Plakate in Lübeck verteilt“. Dort liest man: „Mülleimer, Litfasssäulen, Hauswände oder Stromkästen: Überall prangten in den vergangenen Tagen Anti-AfD-Plakate. Sie zeigen Beatrix von Storch (AfD) mit einem Hitler-Bart, darüber steht der Schriftzug ‚Mut zur Wahrheit. Hitler kommt aus Lübeck‘. Mehr als 50 der blauen Plakate klebten seit der Nacht zu Sonntag in der Stadt. Noch am Sonntagmorgen veröffentlichte die Lübecker Rapperin ‚Prinz’ ein Video auf ihrer Facebook-Seite, das die Künstlerin beim Kleben der Plakate zeigt. Per E-Mail hat sich ‚Prinz’, die ihren bürgerlichen Namen geheim hält und nur mit einer Tiermaske auftritt, gegenüber den ‚LN‘ geäußert. ‚Wenn man in Lübeck wohnt, fällt einem auf, dass es immer mehr Berichte über rechtsmotivierte Vorfälle gibt‘, sagt die Rapperin. ‚Angefangen bei Parolen, die irgendwo hingeschmiert werden oder Menschen ins Gesicht gebrüllt werden, bis hin zu angezündeten Asylheimen.‘ Der Vorfall im Blauen Engel Mitte April habe das Fass für sie zum Überlaufen gebracht.“ Diesem Mädchen („Künstlerin“?) scheint nicht aufzugehen, dass sie selbst mit ihren hingeklebten eigenen, den Menschen ins Gesicht gebrüllten Parolen nicht anders ist. Klar, die Guten dürfen das, die Bösen nicht.

Die AfD Lübeck reagiert gelassen

Den „Lübecker Nachrichten“ zugutezuhalten ist, dass sie einen Tag später das Thema abermals aufgriffen (zwar etwas kleiner, aber ebenfalls vierspaltig) und hierbei den Vorsitzenden des AfD-Stadtverbandes Lübeck, Thomas Thomsen, zu Wort kommen ließen: „Wir nehmen so etwas nicht ernst. Das ist inhaltlich völlig idiotisch. Meines Erachtens hat das nichts mit Kunst zu tun. Das ist nur Polemik. Dass sie für ihr Handeln die Quittung bekommt, daran ist sie selbst schuld.“

Wenn ich über die AfD schreibe, müssen Sie als Leser wissen, dass ich ein Mitglied dieser Partei bin, erstmals einer politischen Partei überhaupt, und daher befangen sein kann. Aber ich bin zugleich auch journalistischer Beobachter, der in dieser Rolle sich bemüht, zu registrieren, was zu registrieren mir ein journalistisches Bedürfnis ist.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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