13. Juni 2016

RezensionWolfram Siemann: Metternich

Stratege und Visionär

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Wolfram Siemann widersetzt sich mit seiner Metternich-Biographie den herrschenden Stereotypen und zeichnet ein realistisches Bild des großen Staatsmannes abseits der Schulbuchlektüre. Der Mensch und Politiker Metternich wird in den Kontext seiner Zeit und Erlebnisse eingebettet. Natürlich ist unbestritten, dass er die deutsche Einigung hintertrieb und Zensur und Unterdrückung unter seiner Ägide fast schon neuzeitliche Züge annahmen. Jedoch vor dem Hintergrund der Französischen Revolution mit ihren Begleiterscheinungen wie Terror, Chaos und Krieg oder den napoleonischen Expansionen und ihren blutigen Opfern wird seine Haltung verständlich. Der Autor hat sich an die reichen Archivmaterialien gewagt, wohl wissend, dass Klemens Fürst von Metternich diese bewusst hinterlassen hat. Besonders interessant wird das Buch durch seine Parallelen zur Gegenwart. Wem kommt das nicht bekannt vor: der Konflikt zwischen einem ineffizienten und bürokratischen Vielvölkerstaat, der den Frieden nach innen erzwingt, und freiheitsliebenden Völkern und aufstrebenden Nationen, die ihr Schicksal selbst bestimmen wollen. Das vorliegende Buch ist erfrischend anders, geht in die Tiefe wie in die Breite und stellt Gewissheiten in Frage. Nicht nur die Person des Fürsten wird beschrieben, auch die verschiedenen Epochen, die er durchlebte. Seine amourösen Abenteuer finden ebenso Erwähnung wie auch seine Familiengeschichte und die Geschichte des Römischen Reiches deutscher Nation bis zu seinem Untergang. Eine Frage bleibt jedoch unbeantwortet: Brauchen wir heute wieder einen Metternich, einen Bewahrer alter Strukturen, Unterdrückung und Zensur zur Aufrechterhaltung der Ordnung? Metternich beantwortet diese Frage selbst. Seine Aussage, er bringe sein Leben damit zu, ein morsches Gebäude zu stützen, sollte uns auch unserer Tage vor Augen stehen. Denn noch gilt: Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten.


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