11. Juni 2016

Offener Brief an Alexander Gauland Kollektivistische „Leitkultur“

Die Lösung ist eine Ordnung mit so wenig „Wir“ wie möglich

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Bildquelle: shutterstock Nicht die Lösung: Das Kollektiv

Sehr geehrter Herr Gauland,

wir gehören irgendwie zusammen. Und deshalb beschäftige ich mich noch einmal mit Ihren Ideen. Wir sprechen dieselbe Sprache, wir wohnen auf dem Territorium desselben Staates. Mir würden sogar noch einige Gemeinsamkeiten mehr einfallen. Wir sind zum Beispiel beide der Meinung, dass die Bundeskanzlerin bei mehreren Gelegenheiten rechtsstaatliche und demokratische Prinzipien verletzt hat. Und wir schätzen wahrscheinlich beide größere Teile dessen, was Sie Leitkultur nennen, wenn auch wahrscheinlich nicht dieselben.

Doch ich möchte mit Ihnen nicht zu einem großen „Wir“ gehören, ebenso wenig wie mit, um nur einige Kandidatinnen und Kandidaten zu nennen, Sahra Wagenknecht, Björn Höcke, Claudia Roth und Heiner Geißler. Und ich erkläre Ihnen, nachdem Sie Ihre Positionen dankenswerterweise sehr klar in einer Rede vor Leitkulturträgern in Elsterwerda dargelegt haben, auch, warum.

Mir ist es egal, ob Sie links oder rechts, populistisch oder völkisch argumentieren. Ich möchte auch nicht weiter auf Praktikabilitätsprobleme eingehen: Wie bestimmen Sie denn, ob jemand sich hinreichend der Leitkultur unterordnet? Ich könnte mir da schöne Tests vorstellen, denen ich auch gern Ihr Publikum in Elsterwerda unterziehen würde. Das Problem ist: Für Sie, Herr Gauland, hätte die mangelnde Unterordnung eine politische Konsequenz (übrigens: Es wäre interessant, zu hören, welche Konsequenz Sie in Erwägung ziehen: direkt Ausweisung oder doch erst ein Umerziehungsangebot?), für mich nicht.

Ich argumentiere individualistisch, und irgendwie ist diese Tradition ja auch ein bisschen deutsch, auch wenn sie vielleicht nicht zur Leitkultur gehört. Deshalb gefällt mir gar nicht, wie häufig Sie das Wort „wir“ benutzen. Noch häufiger als die SPD, und aus deren Sicht entscheidet ja das „Wir“.

Für alle Probleme, die Sie sehen, haben Sie rein kollektivistische Lösungen parat. Dabei sind die Probleme von den kollektivistischen Bestandteilen der politischen Leitkultur in diesem Land geschaffen:

Sie sagen beispielsweise: „Wir geben viel Geld anderen und haben kein Geld für unsere eigenen Renten, für unsere eigenen Kinder, für genügend Kindergartenplätze, das alles kann nicht bezahlt werden.“ Mit „wir“ meinen Sie sicher den Staat. Und da ist das Problem: Sehr viele sind in Deutschland abhängig vom „Wir“, also vom Staat. Ihnen und den Leitkulturträgern geht es darum, dass das Wir das Geld anders verteilt, an die Richtigen. Mir geht es darum, dass die Menschen nicht vom Wir abhängig sind, wenn sie für ihr Alter vorsorgen oder ihre Kinder in den Kindergarten schicken. Sie, Herr Gauland, argumentieren übrigens genauso wie der Teil des Wir, den Sie am meisten verachten – die Anhänger von Multikulti. Auch diese sind fast immer Anhänger des ganz großen Wir, bei dem alle Mitglieder vom großen Ganzen abhängig sind. Kollektivistische Leitkultur und kollektivistisches Multikulti sind nur zwei Seiten einer Medaille.

Kommen wir zu einem anderen Beispiel – den Schulen. Hier haben Sie ein Problem mit den vielen fremdsprachigen Kindern. Und tatsächlich mag das ein Problem für den Lernerfolg sein. Doch die Lösung sollte nicht sein, deutsche Schulen mit Leitkulturlehrplan staatlich durchzusetzen, genauso wenig natürlich wie Schulen anderer, etwa multikultureller Ausrichtung. Der einzige Weg, maximalen, oder jedenfalls den individuellen Präferenzen entsprechenden Lernerfolg zu erreichen, ist ein System aus freien, privaten Schulen, wo alle Eltern ihre Kinder dahin schicken können, wo sie möchten.

Ich lege ganz besonderen Wert darauf, dass man in dem Land, in dem ich lebe, sagen kann, dass man dieses Land scheiße findet (um das Wording aus Ihrer Rede zu verwenden) – auch wenn ich es nicht scheiße finde-, ohne dass man irgendwelche staatlichen Konsequenzen zu fürchten hat. Ich lege auch Wert darauf, dass beispielsweise Björn Höcke seine Thesen äußern darf. Ich dachte bisher, das würde uns von Ländern wie dem Ihres Freundes Putin und Ihres Feindes Erdoğan unterscheiden. Aber anscheinend habe ich mich da geirrt. Und deshalb will ich mit Ihrer Leitkultur und Ihren Trägern so wenig wie möglich zu tun haben. Und ich möchte mich ihr und ihnen auch nicht unterordnen.

Ich stimme Ihnen zu: Die Auflösung des Nationalstaates in einem europäischen Großen und Ganzen ist gefährlich. Aber nicht deshalb, weil das Nationale darin untergeht. Sondern weil in größeren Einheiten die Macht des „Wir“, der kollektivistische Teil der europäischen Leitkultur, nur sehr schwer zu zügeln sein wird. Deshalb möchte ich, auch wenn ich Sie nicht mag und vieles von dem, was Sie sagen, für Unfug halte, weiter mit Ihnen in einem Staat leben. Und dieser Staat sollte sich verändern – doch über die Richtung sind wir so gar nicht einer Meinung. Sie wollen ein von der Leitkultur im Sinne von Elsterwerda bestimmtes Kollektiv, sie wollen Homogenität und Unterordnung. Natürlich wollen das auch viele Ihrer Gegner. Ich will das Gegenteil.

Dafür, dass Sie und ich, und viele Menschen mit sehr unterschiedlichen Positionen, friedlich und in Freiheit zusammenleben, gibt es nur einen Rahmen: eine Ordnung, die es ermöglicht, sich so weit wie möglich aus dem Weg zu gehen, eine Ordnung, die das Leben und das Eigentum der Einzelnen schützt. Eine Ordnung mit so wenig wie möglich „Wir“ und kollektiver Umverteilung. Ich kann in dieser Ordnung sagen und schreiben, dass ich Ihre Thesen und die der Anhänger von Integration und Volkserziehung, in welcher Richtung auch immer, für Unfug halte. Und Sie dürfen Ihre Leitkultur auf jedem Marktplatz des Nationalstaates verbreiten, wie diejenigen vom multikulturellen Ende des kollektivistischen Spektrums auch.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Antibuerokratieteams.


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