02. Juni 2016

Reisebericht Belgrad In den Ländern des Heimatkrieges

Geschichte im Dienst der Politik

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Bildquelle: shutterstock Immer eine Reise wert: Belgrad

Wir sind eine Gruppe auf Studienreise, die von der Stiftung Aufarbeitung des SED-Unrechts in jedem Jahr in postkommunistische Länder durchgeführt wird. Diesmal wollen wir uns über den Zusammenhang von kommunistischer Diktatur und Bürgerkrieg Anfang der 90er im ehemaligen Jugoslawien informieren.

Belgrad empfängt uns mit brütender Hitze. Schon auf dem Weg vom Flughafen in die Stadt bekommt man den Eindruck, dass der Krieg immer noch gegenwärtig ist. Einige Häuser, die während des NATO-Bombardements getroffen wurden, stehen demonstrativ als Ruinen an markanten Punkten. Auffällig ist die Ruine des Polizeipräsidiums, direkt an der Hauptstraße. Die zerschossene Front ist nur teilweise mit einem riesigen Werbeplakat verhängt. Das Hausskelett ist ein stummer, permanenter Vorwurf an die NATO.

Seit sich Serbien um den Eintritt in die EU bemüht, hat man nach einem Investor gesucht und ihn schließlich gefunden. Auch hier wird ein neuer Bau stehen und diese Wunde heilen. Es gibt aber zahlreiche andere Verletzungen. Nicht weit vom Parlament entfernt steht das Gebäude des staatlichen Fernsehens, das während des laufenden Sendebetriebs bombardiert wurde. Es wurden 28 Journalisten getötet, weil sie von ihren Vorgesetzten nicht gewarnt worden waren, dass ein Angriff seitens der NATO angekündigt worden war. Deshalb war es schwierig, in der Grünanlage vor der Ruine einen Gedenkstein für die Getöteten aufzustellen.

Abseits der lebhaften Fußgängerzone ist Belgrad noch überwiegend grau. Die Fassaden der schönen Belle-Époque-Häuser sind löchrig, wie die der DDR der 80er.

Als Belgrad noch Teil des Osmanischen Reiches war, gab es viele Moscheen in der Stadt. Heute ist noch eine übrig. Man sieht dem aus hellem Sandstein gebauten Gebäude nicht mehr an, dass es im Jahr 2000 von Hooligans mit Brandsätzen angegriffen wurde und ausbrannte. Die Moschee steht in einem Viertel, das früher überwiegend von Juden bewohnt wurde. Jetzt ist das jüdische Kulturzentrum nur wenige Meter von der Moschee entfernt.

Die Gourmet-Meile von Belgrad liegt, dem Pflaster nach zu urteilen, im ältesten Teil der Stadt. Das Pflaster scheint aber älter zu sein als die Gebäude. Am schrägsten war eine modische Tapas-Bar, die damit warb, dass die Gäste vom „coolsten Mann der Welt“ bedient werden. Leider war der gerade nicht zu sehen, als wir vorbeigingen.

Der Park um die Festung herum ist ein Treffpunkt für jung und alt. Familien flanieren unter den alten Bäumen, die Bänke am Steilufer zur Save sind dicht besetzt. Senioren sitzen im Baumschatten, musizieren und singen gemeinsam. Die Wege werden von Ständen aller Art gesäumt. Von älteren Frauen werden hauptsächlich Handarbeiten angeboten, von jungen Leuten T-Shirts, manche mit dem Porträt von Wladimir Putin. Einige davon mit einer eindeutigen Botschaft: „Die Krim ist russisch, das Kosovo serbisch.“

Der Blick über die Save ist atemberaubend. In früherer Zeit war der Fluss eine Grenze. Deshalb sind die Brücken alle jüngeren Datums. Wer die vibrierende Stadt erlebt, kann sich Belgrad unter Beschuss schwer vorstellen. Man sieht es den Dahinschlendernden nicht an, dass der Bürgerkrieg immer noch ihren Alltag beherrscht.

Aber das ist der Fall. Vor dem Parlament sind seit Monaten die Fotos von in Bosnien ermordeten Serben zu sehen, projiziert auf eine Plakatwand. Anscheinend wagt es niemand, die allmählich zerfallende Installation zu entfernen.

Die Erinnerung an den Krieg prägt. Jede ethnische Gruppe hat ihr eigenes Narrativ des Krieges. Diese Narrative stehen sich unvereinbar gegenüber. Es ist ein permanenter Kampf, welche Gruppe die meisten Opfer gehabt hat. Es kommt zu keinem konstruktiven Diskurs zur Aufarbeitung der Geschichte. Es werden Hass und Vorurteile durch diese einseitige Geschichtsbetrachtung geschürt. Im Umgang mit der Geschichte wird der Krieg fortgesetzt. Der Zugang zu ihr ist dementsprechend selektiv und zwanghaft. „Geschichte im Dienste der Politik“, wie es einer unserer Gesprächspartner ausdrückt.

In der Republik Srpska zum Beispiel, erfahren wir von dem Mitarbeiter des „Center for Nonviolent Actions“, steht gegenüber der wieder aufgebauten Moschee ein Denkmal für die heldenhaften gefallenen Serben des Krieges. Auf dem Gebiet dieses neuen, autonomen Gebildes in Bosnien-Herzegowina wurden hunderte von Moscheen zerstört, alle, bis auf eine. Von Reue über diese barbarische Kulturzerstörung keine Spur. Stattdessen werden die Opfer aller Seiten dafür instrumentalisiert, die eigenen Greuel nicht aufarbeiten zu müssen.

Die Fronten in der Kontroverse verlaufen zwischen Revisionisten und Prokommunisten. Es gibt viel Tito-Nostalgie, besonders in Bosnien, denn die Tito-Zeit wird mit dem Krieg verglichen, deshalb erscheint sie paradiesisch. Als Belgrad noch die Hauptstadt des sozialistischen Jugoslawien war, gab es zahllose Gedenktafeln und Denkmale, die an Ereignisse des Zweiten Weltkrieges und den Partisanenkampf erinnerten. Die werden nun langsam abgebaut, weil dieser Krieg nicht mehr im Fokus steht, sondern der „Heimatkrieg“, wie der Bürgerkrieg der 90er hier genannt wird.

Da kann man in Abwandlung des Bonmots von Lec nur folgern: Geschichte lehrt, wie man sie missbraucht.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog der Autorin.


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