02. Juni 2016

Einzelfälle Postdeutsche helfen Wandersleuten

Wenn der Absender fehlt

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Bildquelle: shutterstock Bei Potsdam: Warteschlange vor Berliner Postfiliale

Die Personaldispatscher bei der Post haben einen ähnlich schweren Job wie die Berliner Stadtreinigung im Winter. Denn zum großen Erstaunen letzterer schneit es regelmäßig im Januar, und man ist jedes Jahr ehrlich überrascht, wie solche Ereignisse gerade im Winter vom Himmel fallen können, wo man doch in den Sommermonaten stets hinreichend Schneeräumungspersonal vorrätig gehalten hat.

Zurück zur Post. Die Paketzusteller arbeiten von Montag bis Freitag genau in der Zeit, in der die arbeitende Bevölkerung nicht zu Hause ist. Folglich fahren sie Montag früh froh gelaunt mit dem vollen Wagen los und laden gegen Feierabend (ich vermute, so um 14 Uhr) die halbe Fuhre beim Postamt als nicht zustellbar wieder ab.

Freitag ab 16 Uhr lichten sich dann auch regelmäßig die Reihen der ehemaligen Schalterbeamten in den Postfilialen, denn jetzt kommt (welch eine Überraschung) die arbeitende Bevölkerung mit den Benachrichtigungszetteln, um ihre Pakete abzuholen.

Kein Problem, ist die Menschenschlange länger als der Umfang des Schalterraums, schlängelt die sich problemlos bis zum Vorraum, dann einmal zurück auf die Straße hinaus, durch den Bezirk durch, über eine Wiese, durch ein kleines Wäldchen in Richtung Braunschweig oder Erfurt.

So soll es dann schon vorgekommen sein, dass einer der Postkunden sich am Freitag in der Schlange in Berlin anstellte und sich Montag früh wunderte, dass ihm der Schalterangestellte in Braunschweig mitteilte, dass er das Paket nicht finde.

Ich stand aber in der richtigen Schlange. Denn ich kenne mich da aus. Nachdem wir vor 27 Jahren einen Arbeitsgerichtsprozess verloren hatten, da der Mitarbeiter nicht wie vermutet drei Tage unentschuldigt fehlte, sondern drei Tage in dieser Schlange stand, hatte ich die Postgänge zur Chefsache erklärt. Wer dann gefühlte 22 Jahre in dieser verdammten Postamtsschlange stand, wird wissen, was man nachhaltige Unternehmensführung nennt.

Drei Personen vor mir standen nun heute zwei braungebrannte Wandersleute mit einem Briefkuvert in der Hand. Ich sagte zu meinem Hintermann, er möchte meinen Platz freihalten, ich wolle mal noch kurz in die Apotheke, zu Lidl, in die Bücherei und nach Hause das Hemd wechseln. Der nickte angewidert, und ich konnte gehen. Als ich zurück kam, war der Typ derart gealtert, dass ich ihn kaum wiedererkannte. Doch ich hatte ja die zwei braungebrannten Wandersleute als farbliche Markierung. Immerhin war ich nun bereits bis 250 Meter vor das eigentliche Postgebäude aufgerückt.

Ich kürze die Sache ab. Als nun die Sonne sich anmachte, allmählich hinterm Horizont zu verschwinden, stürzten sich die beiden Wandersleute unvermittelt auf die deutsche Schalterangestellte. Die zuckte zusammen. Ein Raunen ging durch die Reihen und dann ein erleichtertes Aufatmen. Die Fremden wollten lediglich den in der Zwischenzeit etwas verknitterten Brief aufgeben.

Unverhofft kommt oft, hätte meine Großmutter gesagt. Doch die Postfrau weigerte sich, den Brief mit einer Briefmarke zu versehen und entgegenzunehmen. Jetzt drohten die Wandersleute mit Bargeld. Denn der eine der beiden hatte seit ewigen Zeiten diese 1,45 Euro in der Hand. Das Gejammer war groß, das Gezeter größer. Nach gefühlten drei Stunden und 47 Minuten rückte die Postdeutsche nun widerwillig eine Briefmarke heraus und wies die Ausländer des Weges.

Der eine hatte jetzt die Briefmarke in der Hand, der andere das Briefkuvert. Ich als alter Anarchist blieb davon unberührt. Die Frau vor mir sprang aber dazwischen und forderte die Fremden auf Englisch auf, sie möchten ihr das Problem erklären.

Die Wanderer verharrten. Der eine zeigte hilflos auf den Brief, der andere auf die Marken.

Eine andere Frau mischte sich ein. Meinte, die Männer seien aus Brasilien, und quatschte irgendwas auf Spanisch. „Es fehlt der Name“, meinte nun mein gealterter Hintermann.

„What‘s your name?“, fragte ein Oberlehrer zwei Meter davor. Der angebliche Brasilianer zeigte fragend zuerst auf sich, dann auf den Briefmarkenträger.

In alter Schwarmintelligenz nötigte man sodann die Fremden, das Kuvert umzudrehen. Tatsächlich fehlten der Absender und ein Kugelschreiber. Kollektiv wurde nun ich angeklotzt. Da ich der einzige mit Jackett war, vermutete man, dass ich auch einen Kugelschreiber haben müsse.

Widerwillig reichte ich dem fremdsprachenkundigen Weibspack meinen Montblanc-Kugelschreiber. Der eine Wandersmann zog eine Visitenkarte aus seiner Hosentasche, und bald darauf schrieben die vereinten Hilfskräfte den Namen von der Visitenkarte als Absender auf das Kuvert.

Um den Verbleib meines Kugelschreibers besser verfolgen zu können, entledigte ich mich meiner Sonnenbrille. Quer über den Brief konnte ich ohne Brille lesen: „Friedrich-Krause-Ufer 24; Berlin“. Folglich sagte ich: „Ausländerbehörde!“

„Sie nun wieder“, giftete mich die deutsche Hilfswillige an. Ich steckte meinen Kugelschreiber ein und murrte: „Seit wann kümmert sich die Post um den Absender?“

Dann war ein Schalter frei, und ich war in der ersten Reihe. Als ich das Postamt verließ, standen immer noch drei Weiber um die zwei braungebrannten Wandersleute herum. Ohne Kugelschreiber, aber in der Gewissheit, dass ich wohl ein gottverdammter zynischer Rassist sei, der die Fremden an die „Ausländerbehörde“ verweisen wollte, nur weil sie einen Brief verschicken wollten.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Facebookseite des Autors.


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