01. Juni 2016

Gauland und Boateng Nachbarn und Freiheit

Lösungen ohne staatlichen Zwang

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Bildquelle: shutterstock Nicht immer unproblematisch: Nachbarschaft

Alexander Gauland hat recht: Es gibt in Deutschland sicher Menschen, die Jérôme Boateng nicht als Nachbarn haben wollen. Wahrscheinlich sind das sogar ganz schön viele. Und mit dieser Aussage hat er Jérôme Boateng nicht beleidigt. Genauso wenig wie er mich mit der Bemerkung beleidigen würde, dass es Menschen gebe, die mich nicht als Nachbarn haben wollen. Es gibt übrigens sicher auch Menschen, die Herrn Gauland nicht als Nachbarn haben wollen. Es gibt auch Menschen wie zum Beispiel mich, die diejenigen Menschen, die Herrn Boateng nicht als Nachbarn haben wollen, unappetitlich finden und sie nicht als Nachbarn haben wollen. Alle Menschen sollten das Recht haben, andere Menschen als Nachbarn haben zu wollen oder auch nicht. Die Frage ist nur, mit welchen Mitteln sie diese Vorlieben umsetzen können. Und da beginnt mein Problem mit der Aussage Gaulands, aber auch mit denen vieler seiner Kritiker.

Es gibt Mittel, diejenigen Nachbarn zu haben, die mir passen, die mit der Freiheit jedes Einzelnen vereinbar sind, und solche, für die das nicht gilt. Das einfachste freiheitskompatible Mittel, meine Wünsche umzusetzen, ist es, einfach wegzuziehen, wenn mir etwa Tätowierte oder aufdringliche und verwirrte Ex-Beamte nicht gefallen. Das ist sogar ganz legal.

Eine andere Möglichkeit wäre es, mir einen Vermieter zu suchen, der einen meinen Präferenzen entsprechenden Nachbarn-Mix garantiert. Oder mit Gleichgesinnten Land zu kaufen und dort genau mit denen zusammenzuleben, deren Nase (oder deren Verankerung in der christlich-abendländischen Tradition, deren Ablehnung der christlich-abendländischen Tradition, deren sexuelle Orientierung oder welche Eigenschaft auch immer) mir passt und denjenigen die Ansiedlung zu verbieten, für die das nicht zutrifft. Die beiden letzteren wären Lösungen, die freiheitlich und in der Form privater Verträge umsetzbar wären. Niemandes Rechte würden verletzt. Es wären keine politischen Lösungen, also solche, die mit staatlicher Gewalt durchgesetzt werden. Sie wären allerdings in Deutschland und in der Europäischen Union illegal.

Und hier beginnt das Problem: Die Vielfalt menschlicher Werte und Präferenzen wird in modernen Gesellschaften oft politisch bearbeitet. Man mag viele dieser Werte ablehnen. Man mag es zum Beispiel ablehnen, dass Menschen andere Menschen ablehnen oder auch fürchten. Man mag es widerlich finden, wie Herr Gauland, Frau Wagenknecht oder andere argumentieren. Man mag Präferenzen anderer für irrational halten. Doch das ist kein Grund für politische Eingriffe – auch wenn die eigene Position von einer Mehrheit geteilt wird.

Wir müssen mit dieser Verschiedenheit leben, oder wir können nicht in Freiheit leben. Im Streit um Gaulands Äußerungen sind Staatsgläubigkeit und kollektivistisches Denken auf beiden Seiten frappierend. Gauland will mit seiner Äußerung nicht Boateng beleidigen, er will Politik machen. Er will eine Politik, in der „fremde“ Elemente so weit wie möglich ausgeschlossen werden. Wer fremd ist, bestimmt dabei die Mehrheit oder eine lautstarke Minderheit. Seine Gegner verteidigen Boateng, weil er so gut integriert ist und sich zudem engagiert. Was heißt das? Wäre er nicht integriert, dürfte man ihn beleidigen? Wäre er zum Beispiel zufällig NPD-Mitglied, dann wäre es eine gute Haltung, wenn andere ihn nicht zum Nachbarn haben wollten? Die Gauland-Kritiker teilen in mindestens einer Hinsicht sein Weltbild: Sie glauben, dass die Formen des Zusammenlebens, auch auf sehr persönlicher und lokaler Ebene, letztlich politisch gesteuert werden müssen. Der eine will ein möglichst reines deutsches Kulturvolk (mit Verboten von Religionen und anderem), die anderen wollen eine Gesellschaft der maximalen „Integration“ (mit Antidiskriminierungsrichtlinien und anderem) – und beides soll politisch durchgesetzt werden. Das schränkt Freiheit ein, das sind zwei Seiten einer Medaille – der Medaille des Kollektivismus.

Freiheitliche, individuelle, lokale Lösungen erlauben stattdessen, in einem größeren Territorium mit Menschen friedlich zusammenzuleben, denen ich aus welchen Gründen auch immer lieber aus dem Weg gehen möchte. Das wird nicht immer bequem sein – an manchen Orten kann ich vielleicht nicht mehr wohnen oder nur unter Erschwernissen, an anderen gefällt es mir dagegen vielleicht viel besser als heute. Zudem gibt es sicher viele Menschen, denen es einfach egal ist, wer ihre Nachbarn sind, solange sie nicht von diesen terrorisiert werden. Das ist auf der moralischen Ebene eine liberale, mir sehr sympathische Haltung – doch sie muss ohne Zwang gelebt werden. Andere Menschen können davon überzeugt werden, dazu gibt es aus meiner Sicht sogar die moralische Pflicht. Doch niemand darf dazu gezwungen werden.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Antibuerokratieteams.


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