19. Mai 2016

RezensionAkif Pirinçci: Deutschland von Sinnen

Der irre Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer

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Die Reaktionen großer Teile der Bessermenschenpresse sowie der Zensurbehörde des Fernsehens (ZDF) bestätigten den Titel des Buches bereits kurz nach Erscheinen. Ein Interview mit dem Autor wurde schnell aus der Mediathek der Regierungssprecher vom Lerchenberg genommen, um nach Zuschauerprotesten geschnitten wieder online gestellt zu werden. Ein mutmaßlicher Literaturkritiker der „Zeit“ verglich es mit Adolf Hitlers „Mein Kampf“. Das Pressebüro des Pentagon („Welt“) glaubte beim „Felidae“-Schöpfer gar ein „Borderline-Syndrom“ entdeckt zu haben. Es handele sich um ein beleidigendes, herabsetzendes, menschenverachtendes, skandalöses, unerträgliches, hasspredigendes, dumpfes, reaktionäres, gossensprachliches, rechtspopulistisches Werk. Merkwürdigerweise gelang bisher aber keinem einzigen neosowjetischen Qualitätskommissar ein belastbarer Nachweis der Vorwürfe anhand konkreter Zitate. Seltsam immateriell schweben solche Vorwürfe bis heute durch den Raum. Professor Arnulf Baring äußerte sich nach der Lektüre des Buches, das sich verkaufte wie geschnitten Brot und schnell Bestseller-Status erreichte, einigermaßen verwundert: Er habe eine wütende Streitschrift erwartet, stattdessen ein eher harmloses, ja „biederes“ Werk vorgefunden, wie er sich ausdrückte. Was Baring damit wohl nicht ohne jede Ironie sagen wollte: Warum dieser Heidenaufstand um das erste Sachbuch des türkischstämmigen Schriftstellers Akif Pirinçci? Wieso verfielen Mittelstrom-Journalisten routinemäßig in ein maßlos überspanntes Babygeschrei und bekleckerten ihre Umwelt wieder kräftig mit Ismenmus? Die Antwort dürfte zum einen im Untertitel des Buches zu finden sein („Der irre Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer“). Pirinçci gelingt das Kunststück, Genderwissengeschwafel auch als solches zu erkennen und die Intoleranz der sozialdemiurgisch hyperaktiven Toleranzwarte gegenüber geschlechtspopulistischen Gleichschaltungsskeptikern klar zu benennen. Zum anderen nennt er den Staat eine Räuberbande und kann, zusammen mit vielen anderen Menschen dieses Landes, keine überzeugende Begründung mehr für die Existenz eines veröffentlicht-stetsrechthabenden Rundfunks finden. Ob man Pirinçcis Thesen nun zustimmen mag oder nicht, eines kann man „Deutschland von Sinnen“ nicht absprechen: seine Authentizität, die, was schon nach den ersten paar Seiten klar wird, nicht nur aus dem Hirn, sondern vor allem auch von Herzen kommt. Gerade dieser Aspekt dürfte zum großen Erfolg beigetragen haben: Statt endloser Auflistung von Statistiken und Studien, statt künstlich verkomplizierten, verquasten Missionierungssprechs, volkspädagogisch genehmigten Zeigefingerblablas oder formelhafter Korrektheitsrhetorik schreibt Pirinçci zu einem guten Teil auch „aus dem Bauch“. Die gelegentliche Verwendung vollmundig schnalzender Tätigkeitsverben aus dem menschlichen Unterleibsbereich trug ihm deshalb den falschen Vorwurf ein, das Buch sei durchweg in „Gossensprache“ verfasst. Die künstliche Überempörung speist sich indes aus weit mehr als nur Kritik an inhaltlichen Aspekten: Da schafft es ein Schriftsteller doch tatsächlich, ganz ohne vorherige Zustimmung und Meinungsreinheitsbescheinigung des Politbüros für saubere Literatur, ein äußerst erfolgreiches Buch zu schreiben, das man einfach so kaufen kann – ohne vorher einen Blick in die bereinigten Kaufempfehlungen von „Spiegel“, „Zeit“ und „FAZ“ werfen zu müssen. „Deutschland von Sinnen“ ist eigentlich kein Sachbuch – es ist eher eine leidenschaftliche Ermunterung zum Selberdenken und zur Befreiung aus der deutungshoheitlichen Zwangsjacke einer politisch auf Linie getrimmten Diskussions-Monokultur.


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