19. Mai 2016

RezensionFrank Dikötter: Maos großer Hunger

Massenmord und Menschenexperiment in China

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Am 13. September 2012 mimte Altkanzler Helmut Schmidt in seiner Hauspostille „Die Zeit“ den nachsichtigen Diktatorenversteher: „Mao hat die Toten nicht gewollt. Alle die vielen Millionen Hungertoten waren die unvorhergesehene Folge des Großen Sprungs.“ Damals war die vorliegende Monographie zum Thema in der englischen Originalfassung bereits zwei Jahre alt. Seit kurzem ist das dickbändige Werk des niederländischen Sinologen auch in deutscher Sprache erhältlich. Der in London und Hongkong lehrende Dikötter konnte erstmals die gesamten Ausführungen ausnahmslos auf historisches Quellenmaterial der Kommunistischen Partei Chinas stützen, die ihm als erstem westlichem Wissenschaftler überhaupt Zugang zu einem Teil ihrer streng gehüteten Archive gestattete. Die zahllosen Akten lassen eine Realität rekonstruieren, die mit den Schmidtschen Halluzinationen nichts gemein hat. Nach neun Jahren Kommandowirtschaft lupenreiner nationalsozialistischer Prägung sowie der Ausschaltung einer halben Million Intellektueller durch Maos „Kettenhund“ Deng Xiaoping im Zuge der „Hundert-Blumen-Bewegung“ sollte der „Große Sprung nach vorne“ das kleinagrarische China mittels überlegener Planung innerhalb weniger Jahre zur Industrienation transformieren und so der bevölkerungsreichsten kommunistischen Nation auch die entsprechende wirtschaftliche und weltpolitische Bedeutung zukommen lassen. Vier Maßnahmen sollten dazu beitragen, innerhalb weniger Jahre die Erste Welt zu überholen: Bewässerungsprojekte, Erhöhung der landwirtschaftlichen Produktion, Aufbau der Montanindustrie, Kollektivierung der Land- und Stadtbevölkerung. In der Folge wurde ganz China von kompromissloser Gigantomanie und einer Planzielinflation erfasst, der eiskalt Millionen Menschen geopfert wurden. Bei den Großbauprojekten – im Volksmund „Felder des Todes“ – kalkulierte Mao persönlich 1.000 Todesopfer je Milliarde Kubikmeter bewegte Erde, während seine zentralen Planer den landwirtschaftlich Werktätigen 13 Kilogramm Getreide pro Kopf und Monat zugestanden, was umgerechnet circa 1.000 Kilokalorien pro Tag entspricht und eine fatale ökonomische wie demographische Abwärtsspirale in Gang setzte. Verstärkt wurde sie durch die Industrialisierungsversuche. Insgesamt verwandelten 500.000 Kleinhochöfen und 40 Millionen (Ex-) Bauern das ganze Land in ein Flammenmeer, das weitgehend nutzlose Eisenklumpen ausspie. Eingeschmolzen wurde alles, was greifbar war, selbst landwirtschaftliches Gerät, um die „heilige Zahl“ des Industriesozialismus, die schiere Menge des erzeugten Stahls, einzustellen, derweil das Getreide tonnenweise auf den Feldern verrottete. Doch nicht nur der Bewirtschaftung des Natural-, sondern auch des Humankapitals hatte sich Mao verschrieben, Kita-Zwang und Veggie-Days inklusive. Jeweils Zigtausende Haushalte wurden in insgesamt 26.000 streng militarisierten Volkskommunen zwangskollektiviert. „Da wir jetzt die Kommunen haben, gehört alles mit Ausnahme des Nachttopfs dem Kollektiv, sogar die Menschen“, frohlockte ein hochrangiger Parteisekretär. Dies gab der Partei auch ein perfides Machtmittel zur „Optimierung“ der Bevölkerungsstruktur in die Hand: Über ein komplexes Punktesystem wurde der Zugang zu Gütern gesteuert, inklusive der Nahrungsmittel, die nur in den riesigen Volksküchen bezogen werden konnten. Die Folgen dieses Maßnahmenbündels sind bis heute unerreicht: 40 Prozent aller Wohnhäuser und zahllose Kulturgüter waren ebenso zerstört wie 15 Prozent der Acker- und 40 Prozent der Waldflächen; und das ganz ohne Krieg. Vor allem aber bezahlten den Demozid des „Oriental Hitler“ (Paul Johnson) unerreichte 45 Millionen Menschen mit dem Leben. Fazit: Dikötter ist ein herausragender Wurf gelungen, der die großen Entwicklungslinien jener mörderischen Ära mit den Einzelschicksalen des unter die Räder gekommenen Individuums akribisch dokumentiert und zusammen mit „Flucht aus Lager 14“ den bedeutendsten Beitrag zum Thema Totalitarismus der letzten zehn Jahre liefert.


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