19. Mai 2016

RezensionAlina Bronsky: Die Abschaffung der Mutter

Kontrolliert, manipuliert und abkassiert. Warum es so nicht weitergehen darf

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Deutschland befördert sich demographisch selbst in die ewigen Jagdgründe, ist trotz Einwanderung auf dem weltweit letzten Platz bezüglich der Geburtenrate angelangt – und man hält es trotzdem oder vielleicht gerade deshalb immer noch für angebracht, die Mutter, die ihre Rolle nicht bereut, zum Feindbild zu erklären. Wir sind zu einem Land geworden, in dem Frauen unter permanenten Rechtfertigungszwang gesetzt werden, sobald sie Mutter werden – selbst dann, wenn dies erstmals in höherem Alter geschieht und nicht einmal in einer intakten, traditionellen Familie. Je weniger Kinder aber in Deutschland noch zur Welt kommen, desto mehr werden diese als knappes Gut betrachtet, das umso intensiver bewirtschaftet werden müsse – und das nach Möglichkeit nicht mehr in der konterrevolutionären Selbstabgrenzung der engen Bindung im Rahmen der Elternschaft. Es gilt als ideal, wenn „die Gesellschaft“ die Kinder erzieht, sprich: Fremdbetreuungseinrichtungen, vom Staat alimentiert, bestückt mit nicht selten selbst kinderlosen Erzieherinnen, die bisweilen sogar meinen, einer ideologischen Sendung folgen zu müssen, in Gesellschaft mit Gleichaltrigen, denen es nicht selten an elementaren Voraussetzungen aus einer intakten Kinderstube fehlt. Dass „die Gesellschaft“, die ihre wenigen noch erwünschten Kinder erziehen will, selbst in höchstem Maße krank ist, arbeiten die aus der früheren Sowjetunion eingewanderte Schriftstellerin Alina Bronsky und ihre Koautorin Denise Wilk in ihrer Anklage „Die Abschaffung der Mutter“ auf. Man kann die Autorinnen dabei mit Sicherheit nicht – wie es den ungeschriebenen Gesetzen des deutschen Diskurses gerade auch zu diesem Thema entsprechen würde – in die üblichen Ecken von „erzkonservativ“, „fundamentalistisch“, „Nazi“ oder weiß der Geier was noch drängen. Übermäßig traditionalistisch oder in irgendeiner Weise konservativ oder rechtsgerichtet ist ihr Hintergrund auch wohl kaum, wenn sie die Abschaffung des Schuldprinzips bei der Ehescheidung im Grunde als positiv betrachten, gegen das Wechselmodell im Bereich des Sorgerechts eintreten und die nicht gerade selten vorkommende Ausplünderung von Vätern durch getrennte Mütter mit Hilfe staatlicher Institutionen als insgesamt eher vernachlässigbares Problem betrachten. Diese Positionen muss man nicht teilen, sie nehmen der Grundaussage des Buches jedenfalls nichts an Substanz. Vielmehr kommen hier offenbar nur zwei Mütter zu Wort, die es wagen, Mutterschaft als primär ihre eigene Aufgabe zu betrachten, dabei eine möglichst intakte Beziehung zum Kind als Leitziel im Auge zu haben, nicht das kulturmarxistische Ideal vom Klassenkampf im Wohnzimmer verinnerlicht haben und – was mit Blick auf deren Zustand nur allzu verständlich ist – keinen ausgeprägten Wert auf Akzeptanz durch die Gesellschaft legen. Das macht die Lektüre so gewinnbringend, denn insgesamt ist es den Autorinnen gelungen, eine längst überfällige und schonungslose Abrechnung zu publizieren mit der herrschenden Mafia aus sozialistischen Gesellschaftsarchitekten, überbezahlten Günstlingen der Sozialindustrie und Entscheidungsträgern innerhalb eines korporatistischen Wirtschaftssystems, die Mutterschaft und Eltern-Kind-Bindung als Hindernisse auf dem Weg zur eigenen Gewinnmaximierung betrachten. Angesichts des Krieges gegen Kinder und Familie, die in der deutschen Öffentlichkeit überaus lautstarke und mächtige Elemente führen, sind entschlossene und deutliche Gegenstimmen auch dann willkommen, wenn sie nicht wie sonst aus dem genuin libertären, religiösen, sozial- oder nationalkonservativen Spektrum kommen. Es ist sogar sehr positiv, zu sehen, dass in keine politische Schublade passende Frauen und Mütter merken, was Sache ist, und klare Worte nicht scheuen. Von daher ist „Die Abschaffung der Mutter“ ein insgesamt sehr notwendiges und lesenswertes Buch.


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