18. Mai 2016

RezensionWerner Bräuninger: Kühnen

Porträt einer deutschen Karriere

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Der Publizist und Autor historischer Biographien Werner Bräuninger versteht es, fesselnd zu schreiben. Wo man sonst immer wieder sehr distanziert dasselbe liest, überrascht Bräuninger damit, dass er von den von ihm Portraitierten offenbar stark fasziniert ist. Das fiel kaum auf, als Bräuninger dem Hitler-Attentäter Stauffenberg nachspürte oder weniger bekannte Kontrahenten Hitlers innerhalb der NSDAP portraitierte. Mit seiner zweiteiligen essayistischen Biographie über Adolf Hitler („Odeonsplatz“ und „Feldherrnhalle“) verletzte er allerdings alle Tabus, als er sich dem Führer näherte wie viele der damaligen Zeitgenossen – fasziniert eben, ja irgendwie von der Persönlichkeit elektrisiert. Gerade deshalb waren die beiden Hitler-Bände gelungen, vermittelten sie doch für Nachgeborene vielleicht erstmals verständlich etwas von der Aura des späteren Megamassenmörders, der so viele Menschen erlagen. Nun also Michael Kühnen (1955-1991, er starb an Aids) – die Westentaschen-Kopie Adolf Hitlers im Westdeutschland der 70er und 80er Jahre, die Wiederholung der Geschichte als Farce. Kühnen wollte die NSDAP wieder aufbauen. Ihm folgten aber nicht Millionen, sondern nur Dutzende. Doch für die besaß auch der Selbstdarsteller Kühnen großes Charisma. Bräuninger verweist mit Pathos auf einige – zum Teil sehr gewollte – Analogien im Lebenslauf zwischen dem Reichskanzler aus Braunau und seiner rheinischen Straßen-Karikatur – hatten nicht beide ihre programmatischen Bücher, Hitlers „Mein Kampf“ und Kühnens „Die zweite Revolution“ in „Gesinnungs“-Haft verfasst? Tatsächlich hatte Kühnen nie wirklich ein Verbrechen begangen und verbrachte dennoch acht Jahre seines Lebens hinter Gittern, eine Ungerechtigkeit, aber eben auch der nicht unwillkommene Weg zum Märtyrer, zur Legende für Freaks. Die wichtigste Gemeinsamkeit der beiden aber unterschlug Werner Bräuninger schon in seiner Hitler-Biographie: Nicht nur Kühnen war schwul.


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