17. Mai 2016

RezensionRobert Misik: Kaputtalismus

Wird der Kapitalismus sterben, und wenn ja, würde uns das glücklich machen?

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„Robert Misiks ‚Kaputtalismus‘“, schreibt der mit dem Autor befreundete, ehemalige griechische Finanzminister Gianis Varoufakis auf dem Klappentext seines neuen Buches, „ist der Warnruf eines der innovativsten deutschsprachigen Intellektuellen. Die Botschaft: Wir müssen den europäischen Kapitalismus schnellstens stabilisieren, bevor er den nächsten Zusammenbruch heraufbeschwört, der katastrophale Auswirkungen auf Europa und die ganze Welt hätte.“ Und in diesen wenigen Zeilen offenbart sich auch schon das ganze Problem nicht nur im Denken linker Politiker wie Varoufakis, sondern auch des „überzeugten Linken“ Robert Misik, ständiger Autor der Tageszeitung „taz“. Bei soviel eher linksorientierter Dominanz, vor allem auch in den buchstäblich zeitgenössischen Diskursen quer durch die politmediale, gegen alles Nichtlinke monopolrüstende, mutmaßlich pluralistische Drillmeinungseinfalt fragt man sich, wie es Misik eigentlich gelingen konnte, in seinem Buch zu behaupten, Linke befänden sich eigentlich immer in der Opposition; es handele sich um Außenseiter, die es schrecklich schwer hätten; angesichts des vorherrschenden kapitalistischen, technokratischen, reaktionären und „rechten“ Zeitgeistes müsse man wohl fragen dürfen, welche Möglichkeiten des politischen Widerstandes Linke heute überhaupt noch hätten, was sie überhaupt noch dürften. Atemberaubend. Nur leider ganz und gar nicht „innovativ“. Misiks Problem ist nicht nur ein persönliches, es ist ein Symptom eines durch jahrzehntelange politische und massenmediale Indoktrination scheinbar festzementierten Missverständnisses oder sträflicher Auslassungen und Einäugigkeiten: Das Geldsystem vor allem der „westlichen“ Hemisphäre ist eben kein kapitalistisches, sondern strenggenommen ein „östliches“, sprich: sozialistisch-planwirtschaftliches. Offenbar hat sich Robert Misik mit Geschichte und Funktionsweise dieses geldmonopolistischen Systems noch nie näher befasst. Er verliert kein Wort darüber, warum dieses Geldsystem installiert wurde und welchen technokratischen Zwecken es dienen soll; diese Diskussion wird im gemeinhin „Mainstream“ genannten, veröffentlichten Diskurs ohnehin stets ausgeblendet, da vermeintlich „krude“. Es ist dieses schwammige Herumlavieren um die wohl mit Abstand drängendsten, wichtigsten Fragen dieser Zeit, das dann zu haarsträubenden Aussagen führt wie derjenigen, Kapitalismus, so Misik, sei ein Wirtschaftssystem, das auf „kontinuierlicher Ausweitung der Kreditmenge“ basiere. Das Gegenteil ist richtig: Das ist eben kein Wesensmerkmal einer freien Marktwirtschaft, sondern einer hyperkonstruktivistischen Technokratie, die er in „Kaputtalismus“ der EU ständig vorwirft, dann aber leider nicht den nächsten, konsequent logischen Schritt geht und fragt, warum diese mit immer lautstärker vorgebrachten, zentralistisch motivierten wirtschafts- und sozialkybernetischen Führungsansprüchen auftretende Technokratie überhaupt erst installiert wurde. Schließlich sagte Michail Gorbatschow auf seiner berühmten Londoner Rede, die EU sei der „neue europäische Sowjet“. Aber das ist, wie bereits erwähnt, ein bei vielen linken Intellektuellen deutlich erkennbares Problem: In ihren Diagnosen liegen sie oftmals durchaus richtig, nur gelingt ihnen keine korrekte Ursachenanalyse. So schlägt Misik als eine mögliche Lösung einen größeren Fokus auf mehr dezentral organisierte Wirtschaftsformen vor, weg von den großen Monopolen, den Konzernclustern und Bankencliquen. Das würden wohl auch viele Libertäre sofort unterschreiben. Dann aber schießt er sich gleich wieder selbst ins Bein, wenn er behauptet, zur Vermeidung der von ihm fälschlicherweise dem Kapitalismus beziehungsweise der Marktwirtschaft zugeschriebenen Probleme seien „starke Zentralbanken“ nötig. So wie die Fed oder ihre europäische Schwester im Geiste, die EZB? Herrje!


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