12. Mai 2016

RezensionChristopher Clark: Die Schlafwandler

Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog

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Hundert Jahre nach Beginn des Ersten Weltkriegs hat das Buch des gebürtigen Australiers Clark, der in Cambridge Geschichte lehrt, für Furore gesorgt. Er hat die gerade in Deutschland zum Dogma erhobene These von der Hauptverantwortung des Deutschen Reiches für den Kriegsausbruch ebenso gründlich wie überzeugend relativiert. Dabei wäscht er die deutsche Politik im Vorfeld des Weltkriegs nicht rein von Verantwortung, lehnt aber die Suche nach dem einen Hauptschuldigen als nicht zielführend ab. Er kommt zu dem Befund, der Kriegsausbruch sei „kein Agatha-Christie-Thriller, an dessen Ende wir den Schuldigen im Konservatorium über einen Leichnam gebeugt auf frischer Tat ertappen. In dieser Geschichte gibt es keine Tatwaffe als unwiderlegbaren Beweis, oder genauer: Es gibt sie in der Hand jedes einzelnen wichtigen Akteurs“. Clark erkennt eine allgemeine Atmosphäre der „imperialistischen Paranoia“, die zu Fehleinschätzungen führte. Dass in Reaktion auf Clarks Buch serbische Politiker und Historiker eine Verschwörung der EU gegen das Land witterten; dass in Serbien der Mörder des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand heute eine Heldenverehrung erfährt, scheint Clarks Einschätzung zu den eingespielten Täter-Opfer-Rollen zu bestätigen. Kein einziges Motiv, das irgendeine Macht im Vorfeld gehabt haben mag, rechtfertigte Clark zufolge einen Krieg. Und dennoch steuerten in nationalistischer Stimmung alle Großmächte auf einen solchen zu: neben Deutschland auch Österreich-Ungarn, Russland, Frankreich und England. Clark formuliert die Erkenntnis, dass die Gefahr, die von regionalen Krisen für die Weltpolitik ausgeht, nicht unterschätzt werden darf. Am Beispiel des Krisenherds Balkan zeigt er, dass durch die Übertragung des regionalen Konflikts auf das brüchig gewordene europäische Bündnissystem ein Katalysator vorhanden war, der den Weg in den Krieg beschleunigte. Clark zeichnet ein differenziertes Bild, das in der Summe die Annahme widerlegt, die Mittelmächte hätten nur einen Anlass zur Umsetzung lange gehegter Kriegspläne gesucht. Gegensätzliche Stimmen in den beteiligten Ländern rangen um Deutungshoheit, Unberechenbarkeit der Protagonisten prägte das Bild. Mit der so klar gezeichneten Traditionslinie von Bismarck zu Hitler, der Zwangsläufigkeit, in der das Deutsche Reich auf seinem „Sonderweg“ in Nationalismus, Militarismus und dann Rassenwahn auf den Holocaust zusteuerte, passt Clarks Deutung nicht zusammen. Dass dessen Buch gerade in Deutschland heftig von Seiten der Historikerzunft attackiert wurde, zeigt, wie schwierig es ist, festgefügte und politisierte Geschichtsbilder im Lichte neuer Erkenntnisse zu hinterfragen. Es ist kein Zufall, dass dieses Buch kein deutscher Historiker verfasst hat. Nach dem Exempel, das man einst im Historikerstreit an Ernst Nolte statuierte, will keiner mehr in die Schlangengrube geworfen werden – zu den Abtrünnigen, die die Gedenkrituale mitsamt ihres Sündenstolzes in Frage stellen. Denn nirgendwo wird die These von der Hauptschuld Deutschlands am Ersten Weltkrieg so verbissen verteidigt wie – in Deutschland. Was für Fritz Fischer der „Griff nach der Weltmacht“ war, der später ins Dritte Reich gemündet sei, sieht Clark eher als Taumeln des Kaiserreichs und der anderen Beteiligten in einen vielschichtigen Konflikt ohne wirkliche Go-Out-Strategie. Dafür wertet er unzählige Quellen aus und betrachtet die Entwicklung im Vorfeld des Krieges multiperspektivisch. Die Bedeutung von Selbst- und Fremdwahrnehmung, der öffentlichen Meinung sowie gestörter Kommunikation wird auf diese Weise wie durch ein Brennglas sichtbar. Dabei verwebt der Autor die Geschicke von Ländern und Personen in eine brillante Erzählung, in der die Komplexität der Lage beim Leser nicht ratlose Verwirrung, sondern eine verstörende Grundstimmung erzeugt. Die dramatische Erkenntnis bei der Lektüre ist, dass der Krieg bis zuletzt hätte verhindert werden können. Dazu bedarf es aber – und dies ist der Rat an heutige Politiker – der Fähigkeit, sich in sein Gegenüber hineinzudenken. Aktuelle Krisen zeigen, dass diese Fähigkeit nicht bei allen politischen Akteuren vorhanden ist. Die Schlafwandler sind auch heute noch unterwegs.


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