11. Mai 2016

RezensionJürgen Kocka: Geschichte des Kapitalismus

Beck'sche Reihe

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Eine konzise „Geschichte des Kapitalismus“ von „einem der weltweit führenden Experten“? Das sollte keiner verpassen, der an Geschichte und mehr noch der Zukunft der menschlichen Gesellschaft interessiert ist und also auch an dem, was sein könnte. Was lernen aus der Geschichte? Abgesehen von der grundsätzlichen Nicht-Vorhersagbarkeit in einem System ohne relevante Konstante, als die schweigend gern „die menschliche Natur“ vorausgesetzt wird („linker Kreationismus“), ist eines ganz sicher hilfreich: Präzise und konsequent gehandhabte Begriffe. Da ist man froh, schon auf Seite 20 eine brauchbare „Arbeitsdefinition“ zu finden, was unter „Kapitalismus“ zu verstehen sei, nämlich private Verfügung über Eigentum mit privatem Gewinn und Verlust, Handlungskoordination am Markt und Kapitalbildung durch Konsum-Aufschub. Wird Kocka dem selbstgestellten Anspruch gerecht? Inwiefern ist Kapitalismus ein „Ismus“, also ein theoretisches Konstrukt? Angegriffen und im Werk dargestellt wird er ansonsten nur in seinen vermeintlichen Folgen in der gesellschaftlichen Wirklichkeit, nicht in seiner theoretischen Fundierung. Welches ist sein behaupteter Wert als Begriff der wissenschaftlichen Analyse, wenn er im ganzen Werk völlig theorielos daherkommt? Nur Praxis, Soziologie, Geschichte und Kritik des Kapitalismus werden dargestellt, auf seine theoretische Fundierung etwa in der Österreichischen Schule der Nationalökonomie verzichtet der Autor völlig. So nimmt es nicht wunder, dass Kocka die Webersche „Zweckrationalität des Kapitalismus“ verkennt: Nicht die Zwecke unterliegen der Rationalität, sondern die Zuordnung knapper Mittel zum Erreichen eben dieser Zwecke erfolgt nach einer prinzipiell rationalen Abschätzung der Zweckdienlichkeit und Knappheit verfügbarer Mittel. „Es hing mit dem Ende des Bretton-Woods-Systems der internationalen Währungsregulierung zusammen, dass es zu einer raschen Ausdehnung und Aufwertung des Finanzsektors kam.“ Dies bleibt der einzige Hinweis en passant auf die Rolle der staatlich getätigten und kontrollierten direkten und indirekten Geldemission. Selbst im Schlusskapitel „Markt und Staat“ sucht man vergebens nach einer auch nur kursorischen Würdigung der Rolle des Geldsystems, das immer wieder zu Zwecken der Machtausweitung und Machtsicherung durch Kriegsführung und demokratisch-wohlfahrtsstaatlichen Stimmenkauf in Dienst genommen wurde und dem 1971 durch das einseitige „Schließen“ des schon arg zugestellten und vergitterten „Goldfensters“ die letzte Kraft zur Selbstregulierung des Weltmarktes genommen wurde. Der Historiker trägt zur intellektuellen Konfusion bei, wenn er den Raum des Gewesenen mit dem des Möglichen verwechselt und einen „gesteigerten Bedarf nach staatlicher Intervention“ als Folge der „Finanzialisierung des Kapitalismus in jüngster Zeit“ sieht, statt umgekehrt nach dem Ursprung der ganze Länder verheerenden Papiergeld-Tsunamis zu fragen. Wenn Kapitalismus auf individuellen Eigentumsrechten und dezentralen Entscheidungen beruht, was ist dann kapitalistisch am Finanzkapitalismus mit seiner systematischen Enteignung durch zentral erzwungenes ungedecktes Papiergeld? Wenn die Koordinierung der verschiedenen Akteure vor allem über Märkte stattfindet, was ist dann kapitalistisch am „Organisierten Kapitalismus“ im dritten Viertel des 20. Jahrhunderts mit seiner „Zusammenarbeit von organisierten Interessen und Staat“ etwa im Kernkraft- und Kohlebereich? Und wenn Ersparnis in der Gegenwart das Kapital für Vorteile in der Zukunft ist, was ist dann kapitalistisch an keynesianischen Pump-Konsumprogrammen in Permanenz? Wenn man den Kapitalismus besiegen wolle, so Marx, müsse man zuerst seine Währung zerstören – das haben die Staaten bestens geschafft, und Professor Kocka weiß auch schon, dass nur „ähnlich grenzüberschreitende, globale Staatlichkeit“ uns vor den Gefahren des globalen Kapitalismus retten wird. Teufel, Beelzebub und die Lehren der Geschichte…


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