11. Mai 2016

RezensionRahim Taghizadegan/Ronald Stöferle/Mark Valek: Österreichische Schule für Anleger

Austrian Investing zwischen Inflation und Deflation

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Die herrschende Schulden-, Währungs- und Finanzkrise und der Bankrott der Mainstreamökonomie bereiten den Boden für eine Renaissance der Österreichischen Schule der Volkswirtschaftslehre. Von ihr wird von immer mehr Menschen erwartet, Erklärungen für die aktuellen Verwerfungen zu liefern und mögliche Auswege zu beschreiben. Fragen eines erfolgreichen Anlegerverhaltens in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit ist das vorliegende Buch gewidmet, dessen Autoren auf dem Boden eben dieser „Österreichischen Schule“ stehen. Die Zusammenarbeit des brillanten Wirtschaftsphilosophen Rahim Taghizadegan mit zwei Investmentprofis, Ronald Stöferle und Mark Valek, die als Fondsmanager bei der Liechtensteinischen Anlage- und Vermögensverwaltung Incrementum tätig sind, ist auf der ganzen Linie gelungen. In einem ausführlichen ersten Teil werden wesentliche Aspekte des Ideengebäudes der Österreichischen Schule, das herrschende Geldsystem und dessen Geschichte sowie die Entstehung von Konjunkturzyklen beschrieben. Auch auf die Phänomene Inflation und Deflation wird eingegangen, wobei nicht vergessen wird, die Bedeutungsänderung der beiden Begriffe zu erläutern, die der Verschleierung der monetären Entwicklung Vorschub leistet. Dass aufgrund „monetärer Tektonik“, die durch gegenläufige Tendenzen der Geldpolitik der Zentralbanken einerseits und der Geschäftsbanken andererseits entsteht, der Grat immer schmaler wird, auf dem das herrschende Schuldgeldsystem seine Pyramiden baut, wird in einer auch für Laien verständlichen Weise dargestellt. Nach einer Beschreibung der herrschenden „finanziellen Repression“, die man kurz als „Sparerenteignung“ bezeichnen könnte, werden weitere mögliche, uns vielleicht schon bald ins Haus stehende Szenarien wie Hyperinflation, Hyperdeflation, Stagflation und die Einführung von Zwangsabgaben erläutert. Danach geht es um Fragen der Anlagephilosophie, die aus „österreichischer Sicht“ beantwortet werden. Detailliert wird auf die Moral des Sparens an sich und dessen technische Formen eingegangen. Am Ende dieses Abschnitts steht die Empfehlung eines „philosophischen Portfolios“. Im letzten Teil geht es, nach der Vorstellung eines „permanenten Portfolios“, um die Darstellung verschiedener Anlageinstrumente und deren Beurteilung hinsichtlich ihrer Tauglichkeit für private Anleger. Die „österreichischen“ Empfehlungen erscheinen konservativ: Hoher Barmittelanteil, hoher Prozentsatz von Edelmetallen, Beteiligungen nur an „sicheren“ (das heißt eigenkapitalstarken, mit hoher Wertschöpfungskapazität ausgestatteten) Unternehmen, Verzicht auf rein spekulative Anlagen sowie der Grundsatz Schuldenabbau vor Investition. Wer Patentrezepte mit Gewinngarantie erwartet, wird von dem Buch enttäuscht sein. Dafür wird eine profunde Analyse des Status quo und des Weges, der dahin geführt hat, geboten und der Blick auf die Grundsätze nachhaltigen Wirtschaftens und des Vermögensaufbaus gerichtet. Die Österreichische Schule ist stark in der qualitativen Analyse. Sie kann sehr genau beschreiben, in welcher Richtung sich eine Ökonomie unter bestimmten Rahmenbedingungen entwickeln wird. Sie kann jedoch – aufgrund der Vielzahl der Variablen und der Menge die Entwicklung jeder Wirtschaft bestimmenden Menschen (mit täglich wechselnden Präferenzen) – keine quantitative Prognose geben (also zum Beispiel, zu welchem Zeitpunkt ein monetär entfachter Boom zu Ende gehen und in welchem Maße die darauf folgende Rezession sich auf konkrete Investitionen auswirken wird). Die Lektüre des Buches bietet dem an einem langfristigen finanziellen Engagement interessierten Anleger jedenfalls einen Gewinn. Die tiefgehende Darstellung der für jede Anlage entscheidenden Grundlagen unseres Wirtschaftssystems lenkt den Blick auf die für einen langfristig denkenden Investor entscheidenden Überlegungen. An „schnellem Geld“ interessierte Zeitgenossen sollten sich dagegen nicht mit der Lektüre dieses Buches aufhalten, sondern eher den Besuch des nächstgelegenen (Finanz-) Casinos ins Auge fassen.


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