10. Mai 2016

RezensionPeter Sloterdijk/Thomas Macho: Gespräche...

...über Gott, Geist und Geld

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Zwei Philosophen treffen sich zu einem von einem Kulturhistoriker moderierten Gespräch über Gott und die Welt. Wer erwartet, dass die Diskutanten hierbei den Boden des akademischen Elfenbeinturms nicht verlassen würden, irrt. Stellenweise geht es sehr praktisch zur Sache – etwa wenn über den Staat oder über das moderne Geldwesen sinniert wird: „Wenn der Staat einmal eingerichtet ist, hat er die Tendenz, zu noch mehr Staat zu werden.“ Wie wahr! „Der Wohlfahrtsstaat finanziert sich ja heute über die Grenzen der Steuereinnahmen hinaus.“ Dieser Satz könnte aus dem Mund eines liberalen Ökonomen stammen. Auf „die Revolution der gebenden Hand“ angesprochen, werden beide Diskutanten recht deutlich: Macho weist darauf hin, dass „das Geben eine Erfindung von Menschen war, die Einfluss und Macht gewinnen wollten“. Sloterdijk diagnostiziert eine vom Staat angeordnete „Pflichtgroßzügigkeit“, ohne dass noch gefragt würde, ob die Bürger überhaupt großzügig sein wollen. Moralisch bleibe die Steuer jedenfalls eine zweideutige Angelegenheit. Der Vertrauensverlust in Banken und Ökonomie führe zu einer Transformation der Vertrauens- in eine Spielerökonomie, was auch mit der Verzehnfachung der Geldmenge im Verhältnis zur realen Wertschöpfung zu tun habe. Fragen zur „Schuldnerkultur“ und zum Verhältnis von Schulden und Schuld werden mit Blick auf die Religionen untersucht. Der dramatische Bedeutungsverlust der Religion führe zu einer umfassenden Werteumkehr. Heißt es in den Zehn Geboten „Du sollst nicht begehren“, lautet die Forderung im Wohlfahrtsstaat genau umgekehrt. Das Begehren (des anderen Gut) wird zur Tugend. Die „Seelenlenkung oder Herrschaft über den Menschen durch die Furcht“ („Phobokratie“) sei heute nicht mehr möglich – mit weitreichenden Konsequenzen. Den expliziten Hinweis auf die „Österreichische Schule“ (im Zusammenhang mit einer Betrachtung ökonomischer Gleichgewichtsmodelle) hätten hier wohl die wenigsten vermutet.


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