10. Mai 2016

RezensionJörg Friedrich: 14/18

Der Weg nach Versailles

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Schade, dass Jörg Friedrichs Opus über den Ersten Weltkrieg erst 2014 herauskam – da hatten Christopher Clark und Herfried Münkler die Bestsellerlisten schon erobert. Während Clark sich bei seiner Schilderung des Kriegsausbruchs und seiner Vorgeschichte eines gehobenen, sehr lesbaren Reportagestils bedient und Münkler den gesamten Kriegsverlauf analytisch scharf nachzeichnet, liest sich Friedrichs über 1.000 Seiten dickes Buch mit seiner epischen Breite und dem literarischen Anspruch fast wie die Vorlage zu einer großen Oper. Hier werden Schicksal und Schicksale lebendig, die Tragödie nimmt ihren Lauf, und immer wieder beeindrucken Tiefenschärfe der Erzählung und geistige Durchdringung des Stoffs. So bei der Behandlung der Frage der belgischen Neutralität, deren Verletzung durch Deutschland der Kriegspartei in London den entscheidenden Vorwand lieferte, oder im Kapitel über den Krieg in Ostpreußen und den brillanten Sieg des Gespanns Hindenburg-Ludendorff über einen ungleich stärkeren Gegner. Friedrich bleibt nie an der Oberfläche, versteht es, Facetten und Details herauszuarbeiten und den Leser vollständig ins Bild zu setzen. Hätte das Deutsche Kaiserreich den Krieg schon im September 1914 gewinnen können? Ja, vermutet der Autor, wenn Generalstabschef Helmuth von Moltke, ein Mann mit schwachen Nerven, nicht den Fehler gemacht hätte, Truppen von der Marne abzuziehen und zur Verstärkung nach Ostpreußen zu schicken – zu einem Zeitpunkt, als sie dort nicht mehr gebraucht wurden. „Zwei Korps hätten bequem ausgereicht, die verhängnisvolle Lücke in der Marne-Schlacht zu schließen“, so Friedrich. Dann wäre Paris gefallen. Schwer begreiflich, dass selbst General Ludendorff, dem die zusätzlichen Korps aufgedrängt wurden, der Obersten Heeresleitung vergebens dazu riet, „auf den Osten keine Rücksicht zu nehmen“, wenn die Korps im Westen zu einer schnelleren Entscheidung gebraucht würden. Sie wurden dort gebraucht und wurden dennoch nach Ostpreußen verschoben. Eine Ungenauigkeit auf Seite 254, die mir auch schon einmal unterlaufen ist: Das Hauptquartier in Ostpreußen, in dem Hindenburg und Ludendorff am 23. August eintrafen, befand sich nicht in der Marienburg, sondern in der Kasernenanlage der Stadt Marienburg. Die Burg selbst wurde im Ersten Weltkrieg militärisch nicht genutzt. Anderer Hinweis: Die Zitate aus dem berüchtigten englischen Bryce-Report (S. 533ff.) über angebliche deutsche Kriegsgreuel in Belgien könnten bei manchen Lesern den Eindruck erwecken, es handle sich um Fakten. Tatsache ist, dass die Untersuchungskommission des Lord Bryce die German War Atrocities zwecks Propaganda erfand, dass die belgische Regierung die Vorgänge 1922 noch einmal untersuchen ließ und dass keine der von der Kommission genannten Fälle einer Überprüfung standhielt. Auch wenn bei Friedrich, seinem Schreibstil geschuldet, der eine oder andere Passus präziser ausfallen könnte, so arbeitet er doch sehr schön heraus, mit welchen Methoden die englische Kriegspropaganda arbeitete und warum sie der deutschen weit überlegen blieb. Fazit: Eine großartige Erzählung, aber eher kein „revisionistisches“ Meisterwerk, wie die „Junge Freiheit“ vermutete. Aber allein der Umstand, dass Friedrich relativiert und vergleicht, dass er 800.000 deutsche Hungertote ebenso erwähnt wie die belgischen Kongogreuel mit ihren zehn Millionen Opfern oder das Vorgehen der Entente gegen das neutrale Griechenland, genügte der „Frankfurter Allgemeinen“ vom 29. Juli, eine giftige Rezension des Buches ins Blatt zu setzen. Überhaupt die „Frankfurter Allgemeine“: Am 19. August rieb sie sich auch noch an Christopher Clark und beklagte den „allgemeinen Trend zur Relativierung der deutschen Verantwortung für den Beginn des Weltkrieges“. „Viele Laien“ hätten sich Clarks Thesen angeschlossen, wie schrecklich. Wäre ja noch schöner, wenn Historiker die Geschichte einfach so erzählen, wie sie sich zugetragen hat.

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