09. Mai 2016

RezensionPhilippe Simonnot: Die Schuld lag nicht bei Deutschland

Anmerkungen zur Verantwortung für den Ersten Weltkrieg

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Nach genau 100 Jahren selbstzerfleischenden Flagellantentums im Selbstzerrbild des direkt der Triple-Entente-Propaganda entlehnten „hässlichen Deutschen“ musste es ein australischer Historiker sein, der dem heimischen Geschichtsbild erstmals eine breitenwirksame Antithese entgegensetzen konnte. War schon Christopher Clarks Werk „Die Schlafwandler“ (siehe ef 144) eine Zumutung für die sich in der Schuldlust suhlenden Anhänger der Fritz-Fischer-Geschichtstheologie, dürfte Philippe Simonnots Streitschrift die Grenze zur Blasphemie überschreiten. Nebenbei tritt der ehemalige Rechts- und Wirtschaftsprofessor sowie „Le Monde“-Kolumnist damit den Beweis dafür an, dass auch bei der Behandlung historischen Stoffs in der Kürze die Würze liegen kann. Sein Text versteht sich als bewusster Affront gegen die beidseits des Rheins tradierte Geschichtsschreibung, deren „Verfälschung zu einem Meisterwerk geraten“ ist. Neben der Rechtfertigung von Züchtigung und Reparationen hat der Mythos der deutschen Alleinschuld „auch zum Ziel, die wahren Verantwortlichkeiten beim Auslösen der Katastrophe zu verheimlichen“. Er ergänzte die zerstörerische Arbeit beim Umgang mit Archiven und die systematische Desinformation, die durch einige französische Politiker geleistet wurde, an erster Stelle durch Poincaré. Tatsächlich sieht Simonnot vor allem im französischen Revanchismus sowie dem zaristischen Panslawismus in Russland die zum Krieg entschlossensten Kräfte am Wirken. Neben zahlreichen zeitgenössischen Quellen, vor allem der gegen die Kriegs- und Kriegsfolgenpolitik opponierenden französischen Sozialisten und Kommunisten, die bereits in den 20er Jahren den Vertrag von Versailles als Garant des Unfriedens verdammten und die eigene politische Elite für die „schreckliche Verantwortung als Kriegstreiber“ geißelten, greift Simonnot auf zum Teil bis in die 90er Jahre unzugängliche französische Archive zurück, um die systematisch betriebenen Kriegsvorbereitungen Frankreichs zu dokumentieren. Hierzu zählte neben der Ausschaltung pazifistischer Politiker, so die Streiter wider den „dummen Militarismus“ Joseph Caillaux und Jean Jaurès, die Rüstungsfinanzierung auf russischer Seite. Sie ermöglichte ab 1912 den Bau des Eisenbahnnetzes aus der Tiefe des Landes an die Westgrenze. Dazu gehört auch die Erteilung einer „carte blanche“ an Russland, den Krieg auszulösen, die schließlich durch die Bezahlung der Attentäter von Sarajevo gezogen wurde. Selbst die militärische Lage vom August 1914 war bereits zwei Jahre zuvor von Poincaré und seinem Generalstab zeitgleich zu den Bemühungen einer Ausweitung des allgemeinen Wehrdienstes auf drei Jahre antizipiert worden. Nichtsdestotrotz konnte durch die Bindung deutscher Streitkräfte an der russischen Front Frankreich 1914 lediglich ein Gleichgewicht erzielen und 1918 nur durch den Eintritt der USA in den Krieg sowie massive Gasangriffe die letzte erfolgversprechende Offensivoption der deutschen Heeresführung vereiteln. Fochs „Erfolgsgeheimnis“ wurde allerdings tabuisiert, denn „Deutschland sollte absolut das Monopol der Barbaren bewahren“. Zu diesem Bild trug auch die Entblößung der rassistischen Fratze bei, welche die „angeborene Schwäche des deutschen Menschen“ sowie seine „primitive Manifestation menschlicher Animalität“ (Georges Clemenceau) in das System der „nationalen Erziehung“ trug. Den anschließenden (Schein-) Frieden von Versailles sieht Simonnot schließlich als Vollendung einer „neo-Clausewitzschen Strategie: Der Krieg als Fortführung der Ökonomie mit anderen Mitteln“, welche die bis heute nicht bewältigte „schlimme Wunde für den Narzissmus der Franzosen“, die wirtschaftliche Potenz Deutschlands, heilen sollte. Aus ihr resultierte schließlich auch die „quasi amtliche Geschichte“, die Zementierung des wirkungsmächtigsten Dogmas der Nachkriegszeit: „Artikel 231 darf nicht revidiert werden.“


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