09. Mai 2016

RezensionInga Cornelia Schad: Ordnungspolitik für irrationale Menschen

Eine Synthese aus Psychologie und Ordoliberalismus

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Einen entscheidenden Anteil am „Wirtschaftswunder“ nach dem Zweiten Weltkrieg hatten die Ideen der „Freiburger Schule“ (des „Ordoliberalismus“), die von Männern wie Walter Eucken und Friedrich August von Hayek formuliert und unter Wirtschaftsminister Erhard in Deutschland als „soziale Marktwirtschaft“ in reale Politik umgesetzt wurden. Im vorliegenden Buch geht es um die Frage, inwieweit die Erkenntnisse der modernen Psychologie mit dem Ordnungsgerüst des Ordoliberalismus zu einer Synthese gebracht werden können, um daraus Erkenntnisse zur Gestaltung einer zeitgemäßen Wirtschaftspolitik ziehen zu können. Hintergrund dieses Gedankens ist die Tatsache, dass die Kunstfigur des von der wirtschaftswissenschaftlichen „Neoklassik“ geschaffenen „homo oeconomicus“ nicht existiert. Der rational seinen Nutzen maximierende, weder an seiner Umwelt noch an seinen Mitmenschen interessierte Zeitgenosse, der die Basis aller wirtschaftspolitischen Modelle bildet, ist noch niemandem je begegnet. Baut man aber die Wirtschaftspolitik auf dem Bild des emotionslosen Nutzenmaximierers auf, sind Fehlprognosen unvermeidlich. Ein Verzicht auf die Grundannahme rational handelnder Wirtschaftsakteure stellt die Ökonomie indes vor Probleme, überhaupt noch wirtschaftspolitische Empfehlungen zu formulieren. Einen Ausweg bietet die Berücksichtigung von Erkenntnissen, die in vielen psychologischen Untersuchungen zu Präferenzen, Anreizen und Handlungsmotiven von Menschen gefunden wurden. Die Autorin schließt die einzelnen Kapitel ihres gut strukturierten, passagenweise leider etwas zur Wiederholung neigenden Buches mit einer Gegenüberstellung von Pro- und Kontra-Positionen ab, um danach entsprechende Schlüsse zu ziehen. Ob in unserer Zeit der totalen Politisierung und Regulierung allen Handelns noch von einer „sozialen Marktwirtschaft“ die Rede sein kann, bleibt unberücksichtigt. Fragt sich, ob der hier vorgeschlagene „libertäre Paternalismus“ (ein Widerspruch in sich?) nicht am Ende in der guten, alten Planwirtschaft münden könnte.


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