04. Mai 2016

RezensionUdo Ulfkotte: Gekaufte Journalisten

Wie Politiker, Geheimdienste und Hochfinanz Deutschlands Massenmedien lenken

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Udo Ulfkotte, langjähriger Korrespondent der „Frankfurter Allgemeinen“ und inzwischen Autor des Kopp-Verlags, hält es mit der Empfehlung, die ausgerechnet der stockseriöse Londoner „Economist“ für guten Journalismus gab: erst vereinfachen, dann übertreiben. Dann pfeffert Ulfkotte seine Schreibe auch noch mit einem kräftigen Schuss Emotion und moralischer Entrüstung – und fertig sind die typischen Ulfkotte-Bücher, die von einer beachtlich großen Lesergemeinde geschätzt, von den Leitmedien aber totgeschwiegen werden. Hier schreibt jemand, der die Brücken hinter sich abgebrochen und einen Verleger gefunden hat, der kaltblütig genug ist, Marktlücken zu finden und zu füllen. Kein Zweifel: Mit seinem neuesten Buch, einem Frontalangriff auf die Zunft der deutschen Journalisten, wird sich der Autor verhasst machen. Er hält sie für korrupt, abhängig, verlogen und verstrickt in politische, finanzielle und geheimdienstliche Netzwerke – jedenfalls zwei Drittel von ihnen, die er kurz und bündig „bestechlich“ nennt, was bezogen auf den Prozentsatz etwas übertrieben sein dürfte. Der „Spiegel“ kommt bei ihm gut weg, die „FAZ“ sehr schlecht, und bei den kleinen, unabhängigen Blättern, die nicht im Mainstream schwimmen, kann von Bestechlichkeit ohnehin keine Rede sein, weil sie ihre eigene intellektuelle Agenda haben und weil sie vor jeglicher Korruptionsversuchung geschützt sind – es lohnt sich nicht, sie zu bestechen. Was erwartet den Leser auf diesen 336 spannenden, sorgfältig dokumentierten Seiten? Eine Darstellung der großen Netzwerke von der Atlantikbrücke über die Trilaterale Kommission bis hin zu den Bilderbergern, bei denen sich die „Alpha-Journalisten“ ihre Vorgaben und Stichworte besorgen; die Nennung von Hunderten von einschlägigen Namen; eine Kritik der Grauzone zwischen Journalismus und Public Relations; Einblicke in die Kumpanei zwischen Meinungsmachern und Politikern; und jede Menge saftiger Geschichten über Luxuseinladungen, mit denen Konzerne und Regierungen dafür sorgen, dass nichts Böses über sie geschrieben wird. Da waren zum Beispiel die Einladungen des Sultans von Oman an Klaus-Dieter Frankenberger, heute Chef des Ressorts Außenpolitik der „FAZ“ – und eben auch an Ulfkotte, damals noch bei dem Frankfurter Blatt. Der Sultan bezahlte den Flug (natürlich nicht in der Holzklasse), und er übernahm die Hotelrechnungen samt allen Extras (natürlich im besten Haus am Platz). Ulfkotte bekennt heute: „Ich war gekauft. Diese Nähe zur Macht korrumpierte.“ Und, drei Seiten weiter, weil er mit dem Stilmittel der Wiederholung gerne in der eigenen Wunde bohrt: „Wir waren, so sehe ich das rückblickend, durch und durch korrupt.“ Ja, so war es wohl, schön und korrupt. Noch schöner war es bei den jährlichen Tagungen des Golf-Kooperationsrates, als die ausländischen Journalisten am Ende mit einer goldenen Rolex oder einem Satz wertvoller Münzen nach Hause reisen durften. Vielleicht waren die Journalisten früher doch kritischer. Ich erinnere mich, dass auf den Redaktionskonferenzen der „Welt“ mehr als einmal die Kollegen vom Reiseressort scharf angegangen wurden, weil sie sich zu Touren einladen ließen. Heute findet niemand mehr etwas dabei, nur mit dem Unterschied, dass die Einladungen am Ende des Artikels erwähnt werden. Manchmal geht Ulfkotte wirklich zu weit. Warum in aller Welt sollte ein Interessenkonflikt daraus resultieren, dass Holger Steltzner, zuständig für den Wirtschaftsteil der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und scharfer Euro-Kritiker, bei der Friedrich-August-von-Hayek-Stiftung mitmacht? „Kann man dann noch frei berichten?“, fragt Ulfkotte. Man kann, an dieser Stelle hat er sich vergaloppiert. Dennoch ein insgesamt interessantes und faktenreiches Buch, das genügend Aha-Erlebnisse vermittelt und das manchem Leser zu einem distanzierteren, kritischeren Medienkonsum verhelfen wird. 


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