03. Mai 2016

RezensionStefan Fuchs: Gesellschaft ohne Kinder

Woran die neue Familienpolitik scheitert

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Der Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Demographie Stefan Fuchs hat ein Buch vorgelegt, um das schon wegen seines Materialreichtums niemand herumkommt, der sich mit der Materie beschäftigt. Das Buch besticht durch seine Abgewogenheit. Es kommt ohne Polemik aus, bietet aber mit vielen Daten und Fakten nachvollziehbare Argumentationen. Dabei besteht das Buch im Grunde aus zwei Teilen. Ein Teil befasst sich mit der Analyse der neuen Familienpolitik im Vergleich zur alten, ein weiterer Teil mit der Erklärung des Geburtenrückgangs. Die traditionelle Familienpolitik, die bis in die 90er Jahre hinein betrieben wurde, habe sich nicht an bevölkerungspolitischen Maßzahlen orientiert. Sie sei weitgehend davon ausgegangen, dass die Entscheidung für Kinder eine persönliche Lebensentscheidung sei. Das Ziel dieser Familienpolitik bestand nicht in der Steigerung der Geburtenraten, sondern im Familienlastenausgleich. Zu Zeiten der Familienministerin Renate Schmidt wurde ein Paradigmenwechsel eingeleitet, der von ihrer Nachfolgerin Ursula von der Leyen umgesetzt wurde. Charakteristisch für diese neue Familienpolitik ist die unorthodoxe Verbindung von Bevölkerungspolitik und Gleichstellungspolitik. Galten bevölkerungspolitische Ziele bis dahin als tabu, so wurden sie nun hoffähig, da sie mit der Perspektive auf eine größere Beteiligung der Frauen am Arbeitsmarkt verbunden wurden. Bevölkerungspolitik und Emanzipation galten nun als komplementäre Zielvorstellungen. So konnten sich unterschiedliche Gruppen mit diesem Ansatz identifizieren: Konservative, denen es um das Geburtenwachstum ging, Gleichstellungspolitiker, die darin einen Schub für die Emanzipation sahen, und die Wirtschaftsverbände, die sich gut ausgebildete weibliche Arbeitskräfte wünschten. Das Buch bestätigt damit, dass Paradigmenwechsel in der Politik in vielen Fällen nur durch ungewöhnliche Allianzen durchgesetzt werden können. Die Politik ist bisher jedoch an der selbst gesetzten Zielmarkierung, 

dem Anstieg der Geburtenrate auf 1,7 Kinder, gescheitert. Fuchs zeigt, dass den Annahmen über die Bestimmungsfaktoren der Geburtenrate gewichtige Fehleinschätzungen zugrundelagen, da diese Marke selbst dann nicht zu erreichen ist, wenn die Vereinbarkeitspolitik tatsächlich die Zahl der kinderlosen Frauen senken sollte. Er kommt zu dem Ergebnis, dass „die Hauptursache für das niedrige Geburtenniveau nicht die Kinderlosigkeit, sondern der Mangel an kinderreichen Familien ist“. Fuchs hegt Zweifel gegenüber optimistischen Annahmen, man könne durch den Ausbau von Betreuungsmöglichkeiten und Vereinbarkeitspolitik die Bevölkerungsentwicklung kurzfristig beeinflussen. Der Kinderwunsch sei weitgehend „sozial vererbt“. Das bedeutet, dass Menschen, die in großen Familien aufgewachsen sind, auch dazu tendieren, sich mehr Kinder zu wünschen, als Menschen, die in kleinen Familien aufgewachsen sind. Insgesamt scheint die Zahl der Geschwister ein ziemlich guter Indikator für die wahrscheinliche Zahl der Kinder zu sein. Auf diese Weise pflanzt sich eine niedrige Geburtenrate über die Generationen fort. Stefan Fuchs erweitert den Blick dadurch, dass nicht einfach die Geburtenraten verschiedener Länder in der Gegenwart miteinander verglichen werden, sondern dass die historische Entwicklung mit einbezogen wird. Die Geburtenraten haben in fast allen westlichen Ländern abgenommen, aber von unterschiedlichen Ausgangsniveaus aus. Die verschiedenen Raten, etwa in Deutschland und Frankreich, sind deshalb nicht zwangsläufig auf die verschiedenen familienpolitischen Ansätze zurückzuführen, sondern dem Umstand geschuldet, dass die Geburtenraten von verschiedenen Ausgangsniveaus aus gefallen sind. Fuchs‘ Ansatz kann somit dazu beitragen, die Möglichkeiten und Grenzen der Familienpolitik realistischer zu beurteilen und die Ziele der aktuellen Familienpolitik einer kritischen Neubewertung zu unterziehen.


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