26. April 2016

RezensionLloyd deMause: Das emotionale Leben der Nationen

Der Aufstieg der Diktaturen

Artikelbild

Das Buch ist ein vom Psychoanalytiker Lloyd deMause verfasstes Buch über Geschichtsphilosophie und psychische Ursachen der Weltgeschichte und des Aufstiegs von Diktaturen. Jeder kann jetzt schon ein wenig erahnen, was für Probleme dieses Buch wohl hat. DeMauses Thesen gehören stellenweise zu den absurdesten Thesen der Psychoanalyse. Zum Beispiel die Idee, Embryonen würden Stoffwechselprobleme der Mutter wahrnehmen und zu Fantasien von bösen Kraken à la Chthulhu umarbeiten.  Dann zeichnet deMause ein ziemlich absurdes Bild der Vergangenheit und behauptet, in grauer Vorzeit hätte man gerne die Mehrheit der Kinder geopfert. Wenn es üblich gewesen sein sollte, seine Kinder zu opfern, warum gibt es überhaupt noch Menschen? DeMauses Erklärung für menschliches Gewaltverhalten ist weniger naturbezogen als bei Freud. Während Freud noch einen Destruktionstrieb postulierte, denkt deMause eigentlich, Gewalt entstünde nur als Folge von Misshandlung. Die Frage, wie man dann Tiere jagen konnte, woher die „Ursünde der Gewalt“ kommt,  ob es einen Einfluss auf die Gene hat, dass sich Leute wie Genghis Khan am besten vermehren konnten, und andere werden nicht wirklich geklärt. Deshalb ist Freuds uraltes „Unbehagen in der Kultur“ leider immer noch deutlich glaubwürdiger als das, was deMause fabrizierte, weil Freud die Biologie nicht ignorierte. Seltsam ist auch, dass deMause zwar von einer zyklischen Geschichtstheorie ausgeht, aber bei der Bildung einen linearen Fortschritt sieht. Müsste aber nicht in Wirtschaftskrisen und Kriegen automatisch auch die Qualität der Bildung sinken? Bei den Themen „Wachstumspanik“ und Geschichtszyklen mit Krisen, die vom Menschen selbst ausgelöst werden, wird es interessant. Da hat deMause etwas entdeckt, das wahrscheinlich den Nagel auf den Kopf treffen könnte. DeMause wiederholt die Fehler von Rousseau und anderen. Die Existenz von Gewalt in der Welt kann man mit seinem Buch nicht lösen. Und ich halte Sigmund Freud, Konrad Lorenz und Thomas Hobbes beim Thema Gewaltentstehung für deutlich glaubwürdiger.


„Lloyd deMause: Das emotionale Leben der Nationen“ bei amazon.de kaufen


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

Dossier: Literatur

Mehr von Michael Kumpmann

Über Michael Kumpmann

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige