23. April 2016

RezensionRodney Stark: Gottes Krieger

Die Kreuzzüge in neuem Licht

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Das Stichwort „Kreuzzüge“ dient in politischen Auseinandersetzungen noch immer als Schimpfwort. Dabei wissen wir inzwischen, dass das Bild gieriger Haudegen, die es mehr auf Goldschätze und edle Gewürze als auf den Schutz der heiligen Stätten in Jerusalem vor den Angriffen muslimischer Heere abgesehen hatten, von Voltaire und anderen „Aufklärern“ in die Welt gesetzt wurde. Diesen ging es darum, das ganze Mittelalter als finster und abergläubisch zu schmähen, um ihr eigenes Wirken umso glanzvoller erscheinen zu lassen. Die materialistische Geschichtsfälschung wurde später vom Marxismus zum System ausgebaut. Der bekannte amerikanische Religionssoziologe Rodney Stark hingegen nimmt den Glauben der Kreuzritter durchaus ernst. Er zeigt anhand historischer Forschungen, dass Christen und Juden im Nahen Osten tatsächlich durch das Vordringen der seldschukischen Türken bedroht waren. Er zeigt auch auf, dass um die erste Jahrtausendwende zwei Kirchen koexistierten: eine Kirche der Macht, in der Ämterkauf üblich war, und eine Kirche der Frömmigkeit, zu der auch viele hochrangige Adelige zählten. Die Kreuzritter gehörten eindeutig zur frommen Fraktion. Sie mussten ihre Güter verpfänden, um sich für den Kreuzzug rüsten zu können. Abgesehen von den auf internationale Kreditgeschäfte spezialisierten Templern konnte sich niemand von ihnen bereichern. Der heilig gesprochene französische König Ludwig IX., der im letzten Kreuzzug umkam, hinterließ seinem Land hohe Schulden und setzte damit den Teufelskreis der Zentralisierung in Gang. Stark weist darauf hin, dass die Templer-Festungen an der Küste Palästinas immerhin so lange bestanden wie die USA. Hätte es die Kreuzzüge nicht gegeben, wäre Konstantinopel höchstwahrscheinlich 200 Jahre früher gefallen, und Europa wäre heute muslimisch.


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