23. April 2016

RezensionKarlheinz Weißmann: 1914

Die Erfindung des hässlichen Deutschen

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Selbst 100 Jahre danach zeigt die Kriegspropaganda der Entente noch immer Wirkung, trägt der Schurke im Hollywoodfilm einen deutschen Namen, spricht mit deutschem Akzent oder fährt ein deutsches Auto. Der 1914 geschaffene Mythos vom kulturlos-brutalen, kindermordenden und vergewaltigenden „Hunnen“ lebt fort. Der Historiker Karlheinz Weißmann spürt der Entstehungsgeschichte der antideutschen Stereotype nach. Fündig wird er im Jahr 1914. Zwar gab es auch davor schon antideutsche Ressentiments in Frankreich (Revanche für 1871!) und England („Made in Germany“). Doch erst mit Beginn der Kriegshandlungen brechen alle Dämme. Von wenigen Ausnahmen wie Bertrand Russell abgesehen, sind Literaten, Wissenschaftler, ja faktisch die gesamte Intelligenz der Ententemächte vom ersten Tag des Krieges an bemüht, ihrem Gegner nicht bloß die Alleinschuld am Kriege anzulasten, sondern schrecken auch nicht davor zurück, mit frei erfundenen Greuelmärchen die Deutschen zu einer Nation von Monstern zu stilisieren. Da wimmelt es von durch die Soldateska des Kaisers auf Bajonette gespießten Kindern, vergewaltigten Frauen und von zu Tierfutter verarbeiteten Leichen gefallener Gegner. Motto: Im Krieg ist alles erlaubt – der Zweck heiligt alle Mittel. Dieser Art der Kriegsführung stehen die Mittelmächte bis zum Kriegsende hilflos gegenüber. Der Erfolg der alliierten Desinformation zeigte sich zunächst an der erfolgreichen Rekrutierung von Kriegsfreiwilligen und 1917 schließlich am Kriegseintritt der USA. Zitate aus Publikationen der Zeit ab 1914 und viele Illustrationen dokumentieren den antideutschen Rassismus. Die stereotype Darstellung der Deutschen als pickelhaubenbewehrte Insekten, Affen und Monster steht den später von den Nationalsozialisten benutzten Darstellungen von „Untermenschen“ in nichts nach.


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