22. April 2016

RezensionThomas Fasbender: Freiheit statt Demokratie

Russlands Weg und die Illusionen des Westens

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Seit 23 Jahren lebt der Autor und Unternehmer Thomas Fasbender in Moskau. Er kennt das Land und die Leute, die er zu schätzen und einzuschätzen gelernt hat. Für Westeuropäer, die das Gefühl haben, von einseitig antirussisch eingestellten Medien im Dienste der transatlantischen Allianz desinformiert zu werden, bietet Fasbenders Buch eine wertvolle Quelle zum Verständnis der russischen Seele. Gerade in unseren bewegten Zeiten ist es kein Ausweis von Klugheit, Russland kurzerhand als rückständig und barbarisch und dessen Staatschef als Inkarnation des Bösen abzutun. Russland und die Denkweise seiner Bürger zu erklären, hat Fasbender sich zur Aufgabe gemacht. Im Westen wähnt man sich, seit dem Untergang der Sowjetunion, am „Ende der Geschichte“ angelangt. Die totale Überlegenheit des angeblich liberal-demokratischen Gesellschaftsmodells steht hier völlig außer Frage. Wer daran auch nur leise Kritik zu üben wagt, stellt sich damit außerhalb des demokratischen Verfassungsbogens. Von der unübertrefflichen Einzigartigkeit der massendemokratischen Verfassung überzeugt, gilt es, jedes Hindernis wegzufegen, das dieser im Wege steht. Das Erstarken alternativer Gesellschaftsentwürfe in Fernost ist für den Westler ebenso unverständlich wie die hartnäckige Weigerung der Russen, sich (wie Europa) endlich ins Unvermeidliche zu fügen und in einer unipolar gewordenen Welt dem transatlantischen Hegemon zu unterwerfen. Russen denken weniger großräumig. Und sie sind bescheidener. Sie wissen um die vielen Unzulänglichkeiten ihres im größten Land der Welt herrschenden Gegenmodells: die allgegenwärtige Korruption, die Schlamperei, die grassierende Gleichgültigkeit und Antriebslosigkeit. Doch das als oberflächlich-dekadent, gottlos und widersprüchlich verstandene System des Westens würden sie gegen ihre Art zu leben niemals eintauschen wollen. Prowestliche Kräfte hatten nach dem Kollaps des Sowjetregimes unter Boris Jelzin ihre Chance. Die haben sie gründlich verspielt. Diese „wilden Jahre“ haben den Russen einmal mehr klargemacht, dass sie eben einfach „anders“ sind. Außer einer Handvoll Intellektueller sieht sich von einer „westlichen Lebensart“ heute kaum noch einer angezogen. Auch die superreichen Oligarchen nicht, die im auf Prinzipien und nicht auf Beziehungen ruhenden Westen niemals erreicht hätten, was sie in „Mütterchen Russland“ geradezu spielend erreichen konnten. Den Autor als „Putinversteher“ abzutun, wäre verfehlt. Er hat keine Apologie dessen autoritären Regimes vorgelegt. Aber er versteht es zu erklären, weshalb sich dieser Mann – im Gegensatz zu den Liberalen im Lande – so großer Zustimmung erfreut. Die ausführlich beschriebene Geschichte Russlands liefert dafür wesentliche Aufschlüsse. Von der jahrhundertelangen Mongolenherrschaft über Iwan den Schrecklichen und Josef Stalin führt eine recht gerade Linie zum heute im Kreml regierenden Ex-KGB-Offizier Putin. Mit Freiheit im westlichen Sinne – mit Aufklärung, Selbstbestimmung und Vielfalt – kann die Mehrheit der Russen nichts anfangen. Noch heute sieht mehr als die Hälfte der Bürger in Stalin einen großen Mann. Nicht im Kommunisten Stalin, sondern in jener Figur, die Russland „groß gemacht“ und zum Sieg geführt hat. Von Zar Putin wird nicht viel weniger erwartet. Der Satz „Wer in seinem Herzen nur Erbsen zählen kann, dem bleibt Russland für immer fremd“ ist bezeichnend. Denn „Russland existiert nicht für das Bruttosozialprodukt“. Hier wiegt die den Westen bestimmende Orientierung am Wirtschaftswachstum deutlich weniger schwer. Für den Westler bleibt die Frage, ob er eine unipolare Welt einer multipolaren tatsächlich vorziehen soll. Wie war das mit der „absoluten Macht“ und der daraus resultierenden Konsequenz?


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