21. April 2016

RezensionHans Becker von Sothen: Bild-Legenden

Fotos machen Politik

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Kurt Tucholskys Zitat „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“ bildet den Ausgangspunkt dieser Dokumentation. Die Feststellung gilt indes nicht nur dann, wenn das Bild korrekt in seinem Kontext eingebettet gesehen und interpretiert wird. Dass dem in vielen Fällen nicht so ist, weist der Autor anhand einer Fülle gut ausgewählter Beispiele, von den Anfängen der Fotographie Mitte der 1850er Jahre bis zu den letzten Nahostkriegen nach. Weglassen, Hinzufügen, Verfremden, in andere Zusammenhänge stellen, mit falschen Bildunterschriften versehen – das sind die technischen Mittel, um dem Bildbetrachter die vom Bildlieferanten gewünschten Botschaften zu vermitteln. Doch nicht immer bildet die Fälschung zwecks bewusster Irreführung den Hintergrund von Bildmanipulationen. Oft sind es zeitliche Unpässlichkeiten (zum Beispiel, wenn der Fotograph den Ort des Geschehens zu spät erreicht), die den Anlass zum nachträglichen Bildarrangement tatsächlich stattgefundener Begebenheiten bilden. Der Phantasie des Fotokünstlers und/oder seiner Auftraggeber sind bei derlei Gelegenheiten allerdings kaum Grenzen gesetzt. Oft soll einfach die Bildwirkung verstärkt werden, ohne dadurch eine andere Realität zu schaffen. Beginnend mit einem sorgfältig arrangierten Bild aus dem Krimkrieg (damals und auch in den darauf folgenden Jahrzehnten war es aus fototechnischen Gründen noch nicht möglich, Aufnahmen in Bewegung befindlicher Objekte anzufertigen), wird der Einsatz der Fotographie für die Berichterstattung von politischen, vielfach kriegerischen Ereignissen dokumentiert. Im Ersten Weltkrieg verliert die Fotographie durch ihren Einsatz für die Greuelpropaganda der Entente endgültig ihre Unschuld. Legendär sind die Bildmanipulationen totalitärer Regime, durch die in Ungnade gefallene Protagonisten eliminiert werden. Relativ neu dagegen ist die Schaffung einer den demokratischen Machthabern nützlichen Wirklichkeit – etwa um damit eine allgemeine Kriegsbereitschaft zu schaffen.


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