19. April 2016

RezensionJean-Claude Michéa: Das Reich des kleineren Übels

Über die liberale Gesellschaft

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Bei seinem Erscheinen im Jahre 2007 erregte dieser Essay des linken französischen Philosophielehrers Jean-Claude Michéa nicht nur in Frankreich einiges Aufsehen. Auch deutschen Feuilleton-Redakteuren fiel auf, dass hier jemand den ausgetretenen Pfad linker Liberalismuskritik verlässt, weil er den linken Kulturrelativismus in seine Kritik einbezieht. Michéa bekennt sich zu der in Deutschland kaum vorhandenen Fraktion der „Orwellschen Linken“. In Frankreich geht deren staatskritische Tradition zurück auf den Anarcho-Sozialisten Pierre-Joseph Proudhon, der sich gegenüber seinem leider viel einflussreicheren Zeitgenossen Karl Marx bei aller theoretischen Schwäche durch bemerkenswerte Ehrlichkeit auszeichnete. Ausgangspunkt Michéas ist der Versuch des Liberalismus, den „Krieg aller gegen alle“ durch die Trennung von Politik und Moral durch die Privatisierung der Moral zu überwinden. Auch die Linke hält sich an das Hobbessche Schema. Doch der „Wille zur Macht“ lässt ihre Gerechtigkeitsforderung beinahe regelmäßig in Systemen totalitärer Herrschaft („Gerechtigkeit von oben“) enden. Demgegenüber fordert Michéa die Remoralisierung der Politik durch das „Primat des Anständigen vor dem Gerechten“ in Form einer „Gerechtigkeit von unten“, die George Orwell mit seinem Begriff „Common Decency“ in die Diskussion gebracht hat. Orwells „Big Brother“, das macht Michéa mit anderen Worten deutlich, ist kein Patriarch nach dem Vorbild eines römischen „pater familias“, sondern eher eine bösartige, sich überall einmischende Matrone. Der moderne Wohlfahrtsstaat sei ein matriarchalisches Herrschaftssystem, das viel schwerer zu durchschauen ist als die sichtbare Hand des Patriarchats, sagt Michéa. Schade, dass er seinen Essay vor der Übersetzung nicht aktualisiert hat. Die aktuellen Versuche einer Volkserziehung mit Hilfe von „Nudging“ böten reichlich Belege für seine Behauptung.


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