19. April 2016

RezensionMarc Engelhardt: Völlig utopisch

17 Beispiele einer besseren Welt

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Was ist eigentlich Utopia? Und wo ist es zu finden? 17 Antworten darauf versuchen Marc Engelhardt und viele weitere Autoren des Korrespondentennetzwerks Weltreporter.net darauf zu geben. Auf die erste Frage hat Ilija Trojanow in seinem Vorwort aber schon eine klare Antwort: „Utopia ist die Vorwegnahme von Veränderung im Reich der Imagination, Utopia umfasst das freieste Denken, das Ersinnen von Alternativen.“ Wo man ihm bis hierher noch folgen kann, erhalten seine weiteren Ausführungen eine Schlagseite. Früher war sowieso alles besser, dann kam eine „zwielichtige Gestalt“ auf: der Fortschritt, der zudem noch Eigentum proklamierte. Seitdem geht es bergab, vor allem für diejenigen, die sich diesem System nicht anschließen wollen. Utopia steht für den „taz“-Kolumnisten Trojanow vor allem für Gleichheit und Gerechtigkeit, auf keinen Fall – ohne es aber konkret zu sagen – für Marktwirtschaft. Damit ist auf jeden Fall die Richtung des Werkes vorgegeben. Nichtsdestotrotz finden sich hier spannende Geschichten, etwa die der Sedulur Sikep. Das ist eine Gemeinschaft, die sich erfolgreich gegen die staatlichen Behörden Indonesiens zur Wehr setzt. Sie zahlen keine Steuern, bekennen sich zu keiner Religion und sprechen nicht die Nationalsprache, die der Zentralstaat neu einführte. Auch der Schulpflicht kommen sie nicht nach, der Unterricht findet – wenn überhaupt – durch die eigene Familie statt. Genauso beeindruckt das Projekt „Staniza Derschawnaja“ der Sredneuralsker Kosaken. So gut wie unabhängig vom russischen Staat versucht Wladimir Ponomarjenko mit einigen Getreuen eine eigene, sich selbst tragende Siedlung zu etablieren. Bisher haben sie zu dritt von 2006 bis 2013 gut 170.000 Euro zusammengebracht und damit – gegen den behördlichen Widerstand vor Ort – nicht nur die bestehenden Gebäude der verlassenen Sowchose, ein landwirtschaftlicher Großbetrieb aus der Sowjetzeit, renoviert. Auch eine russisch-orthodoxe Kirche haben sie dort aus eigenen Mitteln errichtet. „Staniza Derschawnaja“ soll Anlaufstelle für alle Gefallenen und Gescheiterten sein, die neu anfangen wollen, aber für die kein Netz in der modernen russischen Gesellschaft vorgesehen ist. Strenge Regeln, denen sich jeder freiwillig unterwirft, wie der totale Verzicht auf Alkohol, sind Grundlage der Gemeinschaft. Vielen der beschriebenen Utopien ist dies gemeinsam: Eine Satzung mit klaren Bestimmungen für das Zusammenleben, denen man sich freiwillig unterwirft, quasi ein Gesellschaftsvertrag mit expliziter Zustimmung im Kleinen. Das Regelkorsett ist mal enger – wie bei der spanischen Hackerkommune oder wie im äthiopischen Awra Amba –, mal (scheinbar) lockerer. Gemeinsam ist aber vielen der alternativen Lebensentwürfe, dass sie ohne staatliche Zuwendungen nicht existieren können. Das gilt für die niederländische Gemeinde Weesp, wo Demenzkranke eine Alternative zum klassischen Pflegeheim finden, genauso wie für den Kibbuz Kishorit, der auf die Inklusion von Menschen „mit besonderen Bedürfnissen“ setzt. Das bedingungslose Grundeinkommen, das die Bewohner des Dorfes Otjivero in Namibia erhalten, trägt sich auch nicht von selbst. Die positiven Auswirkungen dieses lokalen Versuchs stellt das allerdings nicht in Abrede. So reizvoll sich viele Beispiele für Utopien anhören, deutlich wird bei der Schilderung oft die mangelnde kritische Distanz der Autoren. Der Leser merkt schnell, dass nicht wenige Berichterstatter voreingenommen sind, weil viele Konzepte dem Zeitgeist oder dem eigenen Wertekanon entsprechen. Negative Zwischentöne, leise Zweifel zwischen den Zeilen bezüglich des Erfolgs oder der Sinnhaftigkeit bekommt der Leser leider nur selten präsentiert. Dennoch beeindruckt bei nicht wenigen Lebensentwürfen der Umstand, dass auch ohne Staat ein bloß freiwilliges Zusammenwirken von Individuen möglich ist.


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Alexander Bagus

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