17. April 2016

RezensionGiorgio Agamben: Das Geheimnis des Bösen

Benedikt XVI. und das Ende der Zeiten

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Giorgio Agambens „Geheimnis des Bösen“ bewegt sich über mehrere Ebenen von Betrachtungen. Vordergründig geht es um die Analyse des Rücktritts von Papst Benedikt XVI., tiefergehend um die Rolle der Kirche in der Welt. Dabei folgt Agamben dem Theologen Tyconius, zu dem auch der junge Ratzinger Texte verfasst hatte und der in der Kirche sowohl das Gute als auch das Böse vereint sieht. Er betrachtet die Kirche als ein „aufhaltendes“ Element des Weltenendes. Wir sehen dabei heute eine Kirche, die sich mit dem Diesseits befasst, nicht aber mit den letzten Dingen. Das Risiko dabei ist, dass die Kirche damit ihren Sinn verliert. Agamben deutet den Amtsverzicht Benedikts als eine Abwendung von der Weltlichkeit und Zuwendung zum Geistlichen. Diese Unterscheidung kann ein Augenöffner sein bei der Bewertung der Themen, die die Kirche heute umtreiben. Seine Argumentationen erhärten den Verdacht, dass es beim Rücktritt Benedikts XVI. nicht die körperlichen Einschränkungen waren, die dazu geführt haben, sondern die Notwendigkeit der Abwendung vom Weltlichen. Der Makel daran: Er liefert keine Beweise, schlägt lediglich eine Erklärung vor, die einleuchtend erscheint. Eingedenk der theologischen Größe Papst Benedikts bin ich aber geneigt, hinter seinem Rücktritt ein größeres Bild als das eines Mannes zu erkennen, der sich aufgrund körperlicher Schwächen aufs Altenteil zurückziehen möchte. Neben diesen geistlichen Betrachtungen kann es sich Agamben leider nicht verkneifen, auch wirtschaftspolitisch zu argumentieren. An dieser Stelle hoffe ich, ihn missverstanden zu haben, denn dass er dem Liberalismus einen Drang zu Vorschriften anstatt Legitimität zuschreiben will, stellt die Sache auf den Kopf. Davon abgesehen ist „Das Geheimnis des Bösen“ eine wirklich interessante Lektüre, die zum Rücktritt von Papst Benedikt und zur Kirche Erklärungsmuster liefert, die man sich öfter wünscht.


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