13. April 2016

RezensionThomas Asbridge: Der größte aller Ritter

Und die Welt des Mittelalters

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Mit dem 1605 veröffentlichten Roman „Don Quijote“ karikierte Miguel de Cervantes die seinerzeit äußerst beliebten Ritterepen, die sich mit zunehmender historischer Entfernung von ihren romantisierten Vorbildern einer immer wahnhafteren Klischeehaftigkeit hingegeben hatten. Noch wenig ausgeschmückt und äußerst nah am Original gibt sich die knapp 400 Jahre zuvor verfasste Verschronik, die über 127 Seiten das Leben des Guillaume le Maréchal (William Marshal) porträtiert und heute als erste Biographie eines mittelalterlichen Ritters überhaupt gilt. Das Manuskript bildet den Ausgangspunkt für Thomas Asbridges facettenreiche Reise in das Zeitalter des voll aufblühenden Ritterstandes und seine Rolle in der äußerst wechselhaften mitteleuropäischen Geschichte. Dass der etablierte Mediävist für sein jüngstes historisches Werk dabei auf den Archetypen der Ritterlichkeit schlechthin zurückgreift, nimmt kein Wunder, eignet sich Maréchal (1147-1219) doch wie kaum eine historische Figur zur Verknüpfung epochaler Geschichte mit alltäglichen Geschichten. Hiervon macht der Autor erfreulich häufig und dennoch strukturiert Gebrauch. Entlang Maréchals Lebensstrom taucht der Leser unmittelbar ein in das dynastische Ringen der Häuser Anjou sowie Capet um die territoriale Vorherrschaft beiderseits des Ärmelkanals, in bedeutende sportliche und politische Institutionen wie das Turnier- und Lehenswesen sowie die Geisteshaltung bezüglich Familie, Treue, Ehre und Recht. Dabei weiß der Autor mit interessanten, teils kaum präsenten Fakten aufzuwarten, etwa zur Regentschaft von Richard Löwenherz, der zeitgenössischen Bedeutung der Magna Charta oder der erstaunlich niedrigen Zahl der englischen Ritter (4.000 im Jahr 1150) respektive der exorbitant hohen Kosten ihrer Ausrüstung und Versorgung, was wesentlich zu ihrem Niedergang beitragen sollte. Fazit: Ein detailreich wie spannend aufbereitetes Stück Hochmittelalter!


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