11. April 2016

RezensionJane Gleeson-White: Soll und Haben

Die doppelte Buchführung und die Entstehung des modernen Kapitalismus

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Wohl kaum ein Name dürfte in den wirtschaftswissenschaftlichen Erstsemestern häufiger fallen als der Luca Paciolis. Ein Traktat von gerade einmal 27 Seiten Länge begründete nicht nur den Weltruhm des Franziskanermönchs, sondern er verhalf der Ökonomie zum verdienten Titel einer „Königin der Sozialwissenschaften“. Letzteres reflektiert auch die Entstehungsgeschichte dieses Buchs. Das Studium der Volkswirtschaftslehre und Kunst führte die Autorin in das Norditalien der beginnenden Neuzeit, die Wiege der doppelten Buchführung, ohne die, wie sie feststellen musste, die soziokulturellen Werke jener Epoche niemals realisierbar gewesen wären. Die Organisation schnöden Krämertums als mindestens notwendige Voraussetzung zur Entfaltung der schönen Künste bereitete sie schließlich zu einer in dieser Form originellen wie umfassenden Geschichte der doppelten Buchführung auf. Erste Ansätze datiert Gleeson-White in die mesopotamische Frühantike, als Tonsymbole abstrakte Vermögensgrößen operabel machten und mit zunehmendem Komplexitätsgrad zu Zahlen weiterentwickelt wurden, die in Europa gemäß römischer Notation bis in das späte Mittelalter unverändert Bestand hatten. Einen ganz entscheidenden Innovationsschub brachten schließlich die Kreuzzüge, die durch Öffnung der Handelsrouten gen Osten den norditalienischen Städten den Zugang zum indischen Zahlen- und Buchhaltungssystem, dem „Bahi-khata“, ermöglichten. Dieser fruchtbare Kontakt bescherte der westlichen Welt mit dem 1202 veröffentlichten „Liber abaci“ Leonardo von Pisas (Fibonacci) das erste Lehrbuch zum System der indischen Ziffern und beeinflusste wiederum entscheidend das Leben und Wirken Luca Paciolis, den Business- wie Kultur-Inkubator einer ganzen Epoche. Seine 1494 in einer Erstauflage von 2.000 Stück veröffentlichte „Summa de Arithmetica, Geometria, Proportioni et Proportionalità“, das erste gedruckte Mathematikbuch überhaupt, war 100 Jahre lang ein Bestseller, der die europäische Kunst, Architektur und das Ingenieurwesen maßgeblich prägen sollte. Paciolis überragender Beitrag zur Finanzbuchhaltung lässt sich daran ablesen, dass ausnahmslos jede Publikation zum Thema zwischen 1500 und 1800 auf das entsprechende und später separat aufgelegte Kapitel „Particularis de computis et scripturis“ seiner „Summa“ zurückgeführt werden kann. Woher resultierte der Erfolg der Buchhaltung „alla viniziana“? Zum einen erlaubte der Ansatz erstmalig die systematische Aufbereitung sämtlicher Geschäftsvorfälle, zweitens erwies er sich als äußerst fehlerrobust, und drittens ermöglichte er die Extraktion finanzmathematischer Kennzahlen. Kurz: Die doppelte Buchführung befähigte überhaupt erst zur kapitalistischen Wirtschaftsrechnung im Misesschen Sinne, die im anschließenden Akkumulationsprozess „die neue industrielle Welt der Fabriken“ hervorbringen sollte. Im viktorianischen England vollzog sich schließlich jener institutionelle Feinschliff, der für die heutige Unternehmenslandschaft prägend ist: Der Status der auf Dauer angelegten juristischen Person, das Konzept der beschränkten Haftung und der Abschreibung, der Berufsstand des Buchhalters sowie Publizitäts- und Testatspflichten. So erkenntnisreich Gleeson-Whites historischer Ritt auf dem Siegeswagen der doppelten Buchführung auch ist, die das Lesevergnügen schmälernde Pointe wird im letzten Kapitel nachgeschoben. Hier entpuppt sie sich als lupenreine Befürworterin einer Green-Economy-Buchhaltung. Ihre nachvollziehbare Forderung, den Verbrauch natürlicher Ressourcen bilanziell angemessen zu verbuchen, geht dabei leider mit jener nach behördlichen Preisgestaltungsaufträgen einher. Aufgrund des durch erhebliche Rinderflatulenzen aufgeblasenen CO2-Fußabdrucks kommt man dann auch problemlos zu einem Preis von 200 US-Dollar für einen Bic Mac.


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