06. April 2016

RezensionJürgen Todenhöfer: Inside IS

10 Tage im „Islamischen Staat“

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Kaum war das Buch von Jürgen Todenhöfer über die „Reise“ von seinem Sohn und ihm durch das IS-Kalifat erschienen, wurde er nicht nur in sozialen Medien, sondern sogar in der „Welt“ als Propagandist für den „Islamischen Staat“ bezeichnet. Nie hatte ich mich besonders für Todenhöfer interessiert. Als meine Frau das Buch für eine lange Bahnfahrt kaufte, blätterte ich nach ihrer Rückkehr mit negativem Vorurteil in ihm. Ich suchte nach der „zweifelhaften Propaganda für den IS“. Es brauchte eine Weile, bis ich realisierte, dass ich darum immer weiter blätterte und aufgeregter wurde, weil ich die erwarteten Belegstellen nicht fand. Ganz im Gegenteil. Der IS sei gefährlicher, als der Westen vermute, sagt der Autor. Um sich Sicherheit für die „Reise“ durch das Kalifat zu holen, biedert er sich nicht einmal ansatzweise an. Er macht deutlich, dass er weder Ziele noch Methoden des IS gutheißt. Warum also der Hass gegen Todenhöfer? Ich vermute, dass er das bequeme schwarzweiße Weltbild allzu sehr in Unordnung bringt. Der Satz „Die USA haben den Irakkrieg verloren“ ist schlicht und wahr. Wer Todenhöfers analytische Erklärung, dass die verfehlte Interventionspolitik des Westens das Phänomen des IS hervorgebracht habe, für eine Rechtfertigung des Terrors nimmt, disqualifiziert sich für eine sinnvolle Diskussion. Zum anderen zeigt Todenhöfers „Innenansicht“ aus dem IS, dass es sich beim IS um genau das handelt, was der Name sagt: einen Staat, einen jungen Staat, aber einen Staat, der wie alle Staaten der Erde durch Krieg und Eroberung entstanden ist und der sich mit einem Terror an der Macht erhält, wie er in vielen Staaten der Erde an der Tagesordnung ist. Demnach kämpft nicht Gut gegen Böse, sondern Staaten kämpfen um ihr Territorium. Auch diese Einsicht aus dem Buch Todenhöfers macht sich nicht gut im Weltbild derer, die zivilisierte Staaten gegen chaotische Barbaren antreten lassen. Das gibt es im Film. Nicht in der Realität. Ein anderer Punkt, der manch einen – besonders die professionellen „Islamkritiker“ – zur Weißglut treibt, ist seine These, der Islam stehe zum IS wie „Feuer zu Wasser“. In Analogie zum „Antichristen“ nennt er den Führer des IS einen „Antimuslim“. Man kann sich über diese These und diese Analogie sicherlich streiten, aber sie machen den, der sie vertritt, nicht zu einem „Propagandisten des IS“. Genauso wie sich das Christentum aus einer Verfolgerreligion im Verlauf des 18. und 19. Jahrhunderts langsam durch Erinnerung an die christlichen Werte der Güte und des Verzeihens in eine Religion der Toleranz verwandelt hat, liegt die Chance zu einer Reformation im Islam nicht darin, allen Muslimen den Entzug der Religionsfreiheit anzudrohen. Eine Chance für den Wandel gibt es nur, wenn an die friedliebenden Aspekte des Korans angeknüpft wird. Todenhöfer zeigt einmal mehr, dass sich eine religiöse Schrift nicht per se und zwangsläufig in eine Richtung auslegen lässt. Es gibt immer mehrere Optionen für die Interpretation. Wenn Todenhöfer einseitig den Aspekt des friedlichen Korans betont und als alleinige Interpretationsmöglichkeit darstellt, ist das theologisch zweifelhaft und unausgewogen. Doch die Absicht dahinter ist nicht unehrenhaft. Die Islamkritiker, die eine alleinige Interpretationsmöglichkeit des Korans im Sinne der Rechtfertigung des IS und anderer religiös intoleranter Handlungen behaupten, spielen auf jeden Fall den Terroristen in die Hände: Nicht, weil sie den Islam beleidigen, sondern weil sie die Koran-Interpretation der Islamisten bestätigen. Todenhöfer dagegen ist im guten Sinne subversiv, sowohl bezogen auf die Islamisten als auch bezogen auf die gläubigen „Westler“. Das Buch ist allerdings sensationslüstern und mit der heißen Nadel gestrickt. Der Inhalt ließe sich auf der Hälfte der Seiten (oder weniger) wiedergeben. Doch wer das Querlesen beherrscht, wird hier viele interessante Gedanken, Informationen und Details finden.


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