06. April 2016

RezensionGünter Scholdt: Die große Autorenschlacht

Weimars Literaten streiten über den Ersten Weltkrieg

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Historische Zäsuren pflegen sich regelmäßig im zeitgenössischen Kulturbetrieb niederzuschlagen und ganze Epochen zu prägen. So formte der definitive Schlussstrich unter das spanische Weltreich nach dem verlorengegangenen Spanisch-Amerikanischem Krieg die Schriftsteller der Generación del 98, die ein knappes halbes Jahrhundert später für das deutsche Pendant um die „Trümmerliteraten“ der Gruppe 47 Pate stand. Dieser prosaischen Vergangenheitsbewältigung zweiter Teil ging dem entsprechenden Waffengang folgend ein erster Teil voraus, den das heutige Feuilleton nur allzu oft auf die unversöhnlichen Antipoden Pazifisten gegen Bellizisten verdichtet. Dieses auf Jünger versus Remarque respektive „In Stahlgewittern“ gegen „Im Westen nichts Neues“ reduzierte Schema kontert der Literaturwissenschaftler Günter Scholdt mit dem vielschichtigen Panoptikum der „Worte-Schlacht über die Deutung des Krieges“. Das quellenreiche Werk macht deutlich, dass sich keineswegs monolithische Blöcke gegenüberstanden, sondern eine Vielzahl von Gruppierungen und schwer klassifizierbarer Einzelner. Bei letzteren erschweren zudem Meinungsumschwünge eine klare Positionierung, so beispielsweise bei Thomas Mann, der vom „Sänger des Krieges“ zum „republikanischen Advokaten“ mutierte. Neben dem allgemeinen Lagebild und dessen Entwicklung bestechen vor allem die kontextbezogenen Abhandlungen, so beispielsweise zur Kontroverse um die Dolchstoßlegende als „nicht gänzlich vernunftwidriges Konstrukt“, die Frage also, ob erbitterter Widerstand zur Aushandlung glimpflicherer Friedensbedingungen hätte führen können. Im Weimarer Literatenstreit vermag Scholdt schließlich die Anfänge eines nationalmasochistischen Grundgefühls zu identifizieren, das in die bereits ab 1918 außengesteuerte Siegerpropaganda einfloss, den „demokratischen Paradiesapfel zumindest in Teilen vergiftete“ und das knapp 100 Jahre später fortwirkt.


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