01. April 2016

RezensionBenoît Duteurtre: Vorzimmer zum Paradies

Roman

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Das 20. Buch des französischen Autors Benoît Duteurtre ist gleichzeitig sein erstes, das ins Deutsche übersetzt wurde. Vielleicht ist es kein Zufall, dass die wichtigen zeitgenössischen Erzählungen mit einem politischen Subtext derzeit aus Frankreich kommen, sind doch die  Probleme unserer Zeit bei unseren französischen Nachbarn besonders stark verdichtet. Duteurtre wird oft mit Michel Houellebecq verglichen, doch der schreibt dreckiger, weniger leichtfüßig. Duteurtres Buch handelt vordergründig vom Tod und dem, was folgt. Darin eingebettet wird die Geschichte eines Mannes erzählt, der zum Opfer der Political Correctness wird. Duteurtre nutzt das literarische Florett und das Stilmittel der Satire, um gegen diese Geißel unserer Zeit in den Kampf zu ziehen. Der Leser fühlt sich immer wieder an Hexenjagden in Deutschland erinnert. Der Autor weiß, dass hinter dem neuen Tugendterror insbesondere Feministen, Gender- und Homo-Aktivisten die Fäden spinnen. Aber Duteurtre nimmt im Vorbeigehen auch andere Ärgernisse auf die Schippe, vor allem den drohenden Verlust der Privatsphäre durch die totale Überwachung im Internet – bis über den Tod hinaus... Schließlich geht es auch um „den Neoliberalismus“, der, wohl eine typisch französische Sichtweise, ebenfalls für alles Übel der Welt verantwortlich sei. Doch man darf den Roman auch gegen den Strich lesen, denn scheinbar ist der „Neoliberalismus“ für einen bürokratischen Alptraum in einer Art Quarantänezone nach dem Tod verantwortlich – eine absurde Zuweisung, insbesondere dann, wenn der Autor auf die Schriften von Friedrich August von Hayek und Milton Friedman explizit verweist. Viel besser zu deren Thesen würde die heile alte Welt passen, die Duteurtre für die Hölle ausmalt, mit kleinen und mittleren Unternehmen und ohne Überwachung, Überbürokratisierung und Tugendterror. Ein kurzweiliges und gleichzeitig tiefgründiges Meisterwerk!


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