24. März 2016

RezensionLorenzo Picotti/Francesca Zanuso (Hrsg.): Die Kriminalanthropologie Cesare Lombrosos

Vom 19. Jahrhundert zur aktuellen strafrechtsphilosophischen Debatte

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Der Mediziner und Vater der Kriminalanthropologie Cesare Lombroso, der durch die in seinem 1887 veröffentlichten Buch „L’uomo delinquente“ niedergelegten Ideen zu Berühmtheit gelangte, gewinnt derzeit neue Aktualität. Von den Neurowissenschaften erfolgt nämlich eine späte Bestätigung der von ihm behaupteten Prädisposition zur Kriminalität. Der Wunsch, das Verbrechen eindämmen oder verhindern zu können, war es, der Lombroso zu einer Typologie der Verbrecher nach ihrer Physiognomie veranlasste. Die Veranlagung zur Begehung von Verbrechen meinte er an bestimmten körperlichen Merkmalen festmachen zu können. Der Kriminologe Stamatios Tzitzis kritisiert, es sei „die Kriminalanthropologie Lombrosos antihumanistisch, wenn wir unter Humanismus den Glauben an den freien Willen und an die Fähigkeit des Menschen, seine bösen Leidenschaften zu überwinden, verstehen“. Die Frage der Existenz eines freien Willens wird durch die moderne Hirnforschung erneut gestellt. Das Buch bildet die Zusammenfassung eines anlässlich des 100. Todestages Lombrosos im Jahre 2009 abgehaltenen Kongresses und liegt nunmehr auch in deutscher Sprache vor. Es ist der kritischen Beschäftigung mit dem Werk dieses Mannes gewidmet und enthält Beiträge von Medizinern, Philosophen und Juristen. Während einige der Autoren Methodik und Schlussfolgerungen Lombrosos vernichtend kritisieren, beurteilen andere dessen Beitrag zum Verständnis für die Ursachen von Verbrechen und die Frage, ob diese verhindert werden könnten, positiv. Lombrosos Behauptung, Übereinstimmungen zwischen Körpermerkmalen und bestimmten Verhaltensmustern von Menschen einerseits und deren besonderer Anfälligkeit für die Begehung bestimmter Verbrechen andererseits herstellen zu können, hält einer kritischen Prüfung nicht stand. Inwiefern die modernen Neurowissenschaften imstande sein werden, kausale Zusammenhänge zwischen neurochemischen Abläufen im menschlichen Gehirn und der allfälligen Neigung zu asozialem Verhalten zu beweisen, steht gegenwärtig dahin.


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