21. März 2016

RezensionHelmut Krebs: Mythos Anarchokapitalismus

Edition Forum Freie Gesellschaft

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„Anarchokapitalismus ist in“, so beginnen die Autoren ihr Buch. Ihr Ziel ist es, den Anarchokapitalismus als „gefährlichen Mythos“ zu entlarven, der mit dem Liberalismus unvereinbar sei. Von einer theoretischen Auseinandersetzung sagen sie, dass sie „sich nicht erkennbar lohnt“, der Anarchokapitalismus sei „naiv“, „weltfremd“, eine „Schwärmerei“ mit „Tunnelblick“. Für die Einladung der Autoren zu einem differenzierten Dialog will sich da keine rechte Freude einstellen. Da André F. Lichtschlag mich als Deutschlands „dienstältesten Anarchokapitalisten“ bezeichnet, wird das auch von mir niemand erwarten. Ich will dennoch versuchen, sachlich zu bleiben, denn immerhin präsentieren die Autoren ein interessantes Programm: Sie zeigen, dass die klassischen Liberalen keine Anarchisten waren, dass Anarchismus auch in der Form des Anarchokapitalismus nicht nur staats-, sondern auch gesellschaftszersetzend wirke und dass die anarchokapitalistische Vorstellung der Regelung von Konflikten durch konkurrierende Sicherheitsagenturen unmöglich beziehungsweise instabil sei. Der erste Punkt ist unstrittig. Ganz anders der zweite. „Da nach ihrem Standpunkt in allen Gesellschaftsformen Herrschaft ausgeübt wird, lehnen sie jede Form von Gesellschaft 
ab.“ Da die Autoren so viel Wert auf Logik legen (sie verwenden viel Mühe darauf, Gustave de Molinari, den sie recht willkürlich zu dem „Begründer des Anarchokapitalismus“ erklären, Logikfehler nachzuweisen), noch die Fortsetzung des Gedankens einige Zeilen später: „Für sie kommt nur eine Gesellschaft in Betracht, der sie freiwillig beitreten.“ Ja, was denn nun? Lehnen sie jede Gesellschaft ab, oder kommt für sie eine bestimmte Form der Gesellschaft in Betracht? Dass Anarchokapitalisten allgemein die Gesellschaft ablehnen, ist jedenfalls mir nicht bekannt. Vielmehr ist es die Voraussetzung der Autoren, dass jede Gesellschaft Herrschaft 
beinhalte und darum der Kampf gegen die staatliche Herrschaft einer gegen die Gesellschaft als solche sei. Damit setzen sie voraus, was sie beweisen sollten. Wie nennt man das? Einen klassischen Zirkelschluss. Die Aussage der Autoren, dass für Anarchokapitalisten nur eine Gesellschaft in Betracht komme, der sie freiwillig beigetreten seien, eignet sich dann auch für die schnelle Widerlegung dieser Idee, denn schließlich werden wir alle in bestimmte gesellschaftliche Bezüge „hineingeboren“. Auch hier wieder dient den Autoren eine verkürzte Wiedergabe der anarchokapitalistischen Idee, um sie zu diskreditieren. Das Kriterium ist nicht der freiwillige Eintritt, sondern dass keine Gesellschaft das Recht habe, ein Mitglied, das in sie hineingeboren ward, mit Gewalt am Austritt zu hindern.

Um zu beweisen, dass eine auf Freiwilligkeit aufbauende Gesellschaft instabil sei und nicht in der Lage, kriminelle Tendenzen einzelner Mitglieder oder ganzer Banden zu kontrollieren, reicht es den Autoren, auf die Ergebnisse von Robert Nozick und James Buchanan hinzuweisen. Eine genauere Darstellung ihrer Argumentation hätte gezeigt, auf welch wackligen Füßen ihre sicherlich wirklichkeitsfremden Gedankenspiele stehen. Eine realistische historische Analyse würde ja ergeben, dass der Minimalstaat instabil ist. Er folgt dem Gesetz der zunehmenden Staatstätigkeit. Die „Einhegung des Staates“ durch „seine Minimierung und seine Kontrolle durch Verfassungen“ ist in den USA grandios gescheitert, und es gibt keine realistischen Anzeichen dafür, dass sich das Rad der Geschichte zurückdrehen lässt. Bezeichnenderweise fehlt eine Auseinandersetzung der Autoren mit der historischen Perspektive von Albert Jay Nock oder von mir. In der Einleitung schreiben die Autoren, es gebe „keinen Denker, der überzeugend darlegt, dass Anarchie eine realistische Lebensweise darstellt“. Dass kein Denker die Autoren überzeugen konnte, steht fest. Mich haben sie nicht überzeugt, dass der Minimalstaat eine realistische Perspektive ist.


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