21. März 2016

RezensionHans-Werner Sinn: Der Euro

Von der Friedensidee zum Zankapfel

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Als der Vertrag von Maastricht im Februar 1992 unterzeichnet wurde und als Ökonomen wie Hankel und Starbatty (sowie der Verfasser dieser Zeilen) zu publizieren begannen, da hielt Hans-Werner Sinn die geplante Währungsunion noch für eine praktikable Idee. Und als 1998 155 deutsche Volkswirte einen Aufruf gegen den Euro unterschrieben, stand Sinn abseits, wie er freimütig in diesem Buch bekennt. Umso überzeugender konnte er in die Rolle des führenden deutschen Euro-Kritikers hineinwachsen, als das ursprüngliche Konzept der Einheitswährung hoffnungslos gescheitert war. Mit der Euro-Krise avancierte Professor Sinn als Chef des Münchner Ifo-Instituts zum einflussreichsten und meistzitierten Ökonomen Deutschlands. Ohne seinen Spürsinn und seine Hartnäckigkeit wüssten wir womöglich bis heute nichts Genaueres über die ominösen Target-Salden, hinter denen sich die internen Schulden des Euro-Systems verstecken. Die „FAZ“ nannte das vorliegende Buch einen „Aufschrei zu Sinns Abschied“. Richtig daran ist, dass er im März in Pension geht und wohl auch aus diesem Anlass eine weit ausholende Bilanz ziehen wollte. Nur tut er das ohne Emotion, wie es einem Volkswirt ansteht, aber durchgehend sehr lesbar und verständlich auch für den Nichtökonomen. Hier fehlt kein Aspekt der seit 1999 laufenden Euro-Saga – weder die anfängliche Scheinblüte in den Staaten der Peripherie noch der Absturz im Gefolge der Finanzkrise noch der „Rettungswahn“ seit 2010 noch ein fundiertes Konzept, wie das Euro-System zu reformieren wäre. Ein Höhepunkt der Darstellung ist die Widerlegung der Legende vom „Profiteur Deutschland“. Das Buch ist ein Muss für jeden, der in Sachen Euro mitreden möchte. Übrigens wird an der Spitze des Ifo-Instituts der milder auftretende Clemens Fuest auf den westfälischen Dickschädel Sinn folgen. Mal sehen, ob er dem Manipulator Draghi ebenso kritisch auf die Finger schaut.

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