18. März 2016

EZB Brechung der Zinsknechtschaft

Volle Fahrt ins Schwundgeldparadies

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Bildquelle: shutterstock Auf Null: Leitzins

Jetzt scheint es geschafft: Die „Brechung der Zinsknechtschaft“, die von Männern wie Gottfried Feder bereits vor vielen Jahrzehnten gefordert wurde (die brillante Idee fand sogar Eingang ins Parteiprogramm der NSDAP), ist endlich geglückt. Die Europäische Zentralbank unter Mario Draghi hat den Leitzins (das ist jener Satz, zu dem Geschäftsbanken kurzfristig Gelder ausleihen können) in der Vorwoche auf 0,00 Prozent gesenkt. Damit wurde auch noch das letzte Pulver verschossen, das sich im Arsenal „konventioneller“ Maßnahmen der Geldpolitik findet. Weniger als 0,00 Prozent geht im Moment (noch) nicht. Die Interessen von Sparern und private Altersvorsorge schaffenden Bürgern werden rücksichtslos auf dem Altar der zeitgeistigen Schuldenkultur geopfert.

Im Visier der an den Schalthebeln sitzenden, von den Segnungen ihrer rigiden Planwirtschaft überzeugten Geldsozialisten befindet sich – und zwar schon seit vielen Jahren – die angeblich dräuende Deflationsgefahr. Diese wird regelmäßig dann beschworen, wenn die Regierungen Auswege aus Krisen suchen, die dank ihrer wirren Politik eingetreten sind. Nach den seltsamen Vorstellungen der herrschenden Inflationisten kann es nichts Schlimmeres geben als auf breiter Front sinkende Preise. Wäre ja tatsächlich eine schreckliche Vorstellung, wenn die Kaufkraft der Bürger dadurch stiege, nicht wahr? Seltsam, dass ansonsten unentwegt der Ruf nach Kaufkraftstärkung für die proletarischen Massen ertönt, die mittels staatlicher Regulative (zum Beispiel des Mindestlohns) erreicht werden soll. Sei‘s drum.

Gegenwärtig also sollen die Geschäftsbanken dazu motiviert werden, den Unternehmen billige Kredite zu gewähren. Der Nullzins für Ausleihungen gilt diesem eitlen Bemühen ebenso wie der nun auf 0,4 Prozent angehobene Strafzins auf Einlagen, die Geldinstitute bei der EZB halten.

Darauf, dass der Coup ebenso wirkungslos verpuffen wird, wie alle anderen bisher ergriffenen geldpolitischen Maßnahmen der international tätigen Geldalchemisten, kann gefahrlos gewettet werden. Denn man kann Pferde zwar zur Tränke führen, sie aber nicht dazu zwingen, zu saufen. Man kann Betrieben billige Kredite andienen, sie aber schwerlich nötigen, diese auch aufzunehmen. Tun sie es nicht, dann hat das in der Regel gute Gründe – etwa eine pessimistische Einschätzung der zu erwartenden wirtschaftlichen Entwicklung. Bei klarem Verstand befindliche Unternehmer machen dann nämlich keine Schulden, auch nicht bei minimalen Zinslasten.

Was ein gestandener Sozialingenieur und von seiner grenzenlosen Weisheit überzeugter Gesellschaftsklempner ist, lässt sich durch derlei Widrigkeiten allerdings nicht beirren. Wenn die Wirklichkeit der Ideologie nicht zu folgen geneigt ist, dann muss sie eben entsprechend verändert werden; dann müssen härtere Bandagen her. Man darf schon gespannt sein, womit die ehrenwerte Gesellschaft um Draghi und Genossen als nächstes aufwarten wird.

Überlegungen und Vorschläge von Fachleuten wie dem Ex-Kapo der Fed, Ben Bernanke, liegen ja bereits fertig in der Schublade. Der Mann hat, in bester keynesianischer Tradition, das Krebsübel des Sparens gottlob erkannt und bereits vor mehr als zehn Jahren eine gefährliche „Sparschwemme“ diagnostiziert. Der ist entschlossen entgegenzutreten.

Wenn also schon die Betriebe das „geschenkte“ Geld nicht nehmen wollen, dann könnte man es ja auch von Helikoptern aus abwerfen oder – weniger spektakulär – einfach auf die Konten von Krethi und Plethi buchen. Das würde natürlich sofort ein Einkaufsfestival der Sonderklasse initiieren, und wir alle könnten uns auf einen Schlag reich konsumieren. Oder so ähnlich.

Zumindest der politisch-geldalchemistische Komplex würde tatsächlich profitieren. Politnomenklatura und Bankster könnten sich an ihrer unumschränkten Macht berauschen, und wer bereits wohlhabend ist, fände Mittel und Wege, sein Vermögen vor der Inflation zu schützen. Der „kleine Mann“ wäre der Verlierer. Die sich verschärfende Umverteilung von unten nach oben würde den Sozialisten in allen Parteien weitere Munition für ihren Kampf gegen den tobenden „Turbokapitalismus“ liefern. Von dieser Munition getroffen würden allerdings die Sparer und der Mittelstand. Sie müssten bei ihrer hoheitlich orchestrierten Enteignung hilflos zusehen.

Eine weitere überaus vielversprechende Möglichkeit (für den Fiskus und die Banken) böte die bereits vielfach ventilierte Abschaffung des Bargeldes, die selbstverständlich ausschließlich zwecks Bekämpfung der Steuerhinterziehung und des Drogenhandels erfolgen würde. Dadurch könnte jedermann (insbesondere dem kleinen Mann, der über keine Ausweich- oder Fluchtmöglichkeiten verfügt) mittels des Diktats negativer Zinsen auch noch die letzte Lust am Sparen ausgetrieben werden. Gäbe es keine Möglichkeit mehr, bares Geld zu horten, könnten die Banken, als willige Vollstrecker des Fiskus, problemlos Monat für Monat einen bestimmten, willkürlich festzusetzenden Prozentsatz der Giroguthaben einziehen – zum Wohle des Gemeinwesens, versteht sich.

Wer sein Einkommen zu investieren gedächte und daher ansparte, würde indes stehenden Fußes abgestraft werden. Konservativ veranlagte private Vorsorgen würden zur reinen Geldvernichtung entarten und wären bei negativen „Erträgen“ natürlich widersinnig. Sparer wären entweder gezwungen, ins „Finanzcasino“ zu gehen, um den Versuch eines Kapitalerhalts zu unternehmen, oder wären auf Gedeih und Verderb den unermesslichen Ratschlüssen der Regierungen und deren Symbionten in der Geldwirtschaft ausgeliefert.

Das von Silvio Gesell (Finanzminister der bolschewistischen Münchner Räterepublik von 1919) erdachte und 1932 in Wörgl in Tirol tatsächlich für kurze Zeit geschaffene Schwundgeldparadies würde zur europaweiten Realität. Ein wahres Wunderland – zumindest aus Sicht der Nomenklatura. Sie könnte sich mühelos und ohne jede Rücksicht auf Verluste jedes von ihr erträumte Luftschloss bauen. Zumindest eine kurze Weile lang – und wie wir wissen, sind wir auf lange Sicht gesehen eh alle tot (spätestens, wenn der Komet kommt).

Als Folge dieser kurzsichtigen Politik würde allerdings ein galoppierender Kapitalverzehr einsetzen – mit der sich daran bindenden Konsequenz kollektiver Verarmung und dem Ausbruch brutaler Verteilungskämpfe. Schöne neue Welt.

Merke: Man kann ökonomische Grundeinsichten durchaus ignorieren. Dennoch gilt Ayn Rands messerscharfe Feststellung unumstößlich: „Man kann die Realität ignorieren, aber man kann nicht die Konsequenzen der ignorierten Realität ignorieren.“ Schade, dass im Fall der frivolen Aktivitäten der EZB absolut Unschuldige zum Handkuss kommen.


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