15. März 2016

Politik und Finanzen Wenn billiges Geld ein Gesicht hätte…

Aufräumen nach der Party

Artikelbild
Bildquelle: shutterstock Besser als der Euro: Ziege als Währung

Wenn billiges Geld ein Gesicht hätte… mit welchem Ausdruck würde es uns wohl ansehen? Würde es uns auslachen, uns anlachen, uns mitleidig betrachten, belustigt oder hochmütig daherkommen, würdevoll und stolz wirken, beschämt und peinlich berührt, glücklich oder traurig, möglicherweise ängstlich oder eher beleidigt und stinksauer, vielleicht auch überfordert und ratlos, mehr verzweifelt und vom Missbrauch gezeichnet oder absolut begeistert und voller Euphorie, panisch, müde und mit verquollenen Augen oder hellwach?

Nun, ich denke, es kommt darauf an, ob Sie das Antlitz eines Lloyd Blankfein oder Mario Draghi tragen, Christine Lagarde oder Angela Merkel heißen, als einer der Rothschilds oder Josef Ackermann durch das Leben schreiten oder ob Lieschen Müller in Ihrem Ausweis steht, die in wenigen Jahren in Rente geht. Auch das Gesicht Peterchen Meiers, der ein paar Penunzen auf seinem Sparbuch anspart, um sich in einigen Jahren etwas leisten zu können, oder eben Fredchen Schmidt, der mit unerschütterlichem Vertrauen an die Unverwüstlichkeit seiner Lebensversicherung glaubt, dürften anders aus der Wäsche schauen als nahezu alle, die für uns in jeder Beziehung selbstverständlich nur das Beste wollen.

Klären wir zunächst einmal, dass Geld in erster Linie ein von der Allgemeinheit akzeptiertes Tauschmittel ist, das den Handel unter den Menschen enorm erleichtert. Als man noch den ganzen Tag mit der störrischen Ziege durch die Welt marschieren musste, um sie gegen eine noch viel störrischere Kuh zu tauschen, waren zum einen äußerst beschwerliche Zeiten und zum anderen auch recht streitträchtige, wenn man sich nicht einigen konnte, wie viel Ziege dem entsprechenden Anteil Kuh entsprach. So wurde das Geld in Umlauf gebracht, das die jeweiligen Tauschprozesse erleichtert und dem Gerücht, dass der Mensch ein intelligentes Wesen sein soll, durchaus Rechnung getragen hat. Dieses Gerücht konnte in der Zwischenzeit aus der Welt geschafft werden.

Zu Beginn der Zeit war das Geld ein reines Sachmittel. Es fußte auf der Grundlage, dass die beteiligten Personen – bevor sie es zum Zwecke des Tauschs einsetzten – zuerst dafür arbeiteten, es dann ansparten und erst in Folge für Konsumbedürfnisse oder Investitionen nutzten. Das waren im wahrsten Sinne des Wortes goldene Zeiten. Von diesen Zeiten haben wir uns vollständig verabschiedet. In unseren heutigen Zeiten ist das, was wir als Geld bezeichnen, in niederträchtigster Weise nur noch eine Fratze. Die Verhältnismäßigkeiten sind in Billionen von Euros, Dollars und Yens vollkommen untergegangen, wir haben den Überblick verloren, und daran ändert sich auch nichts, wenn uns die Regierungen auf der ganzen Welt erklären, dass sie die Dinge „im Griff“ haben. Gar nichts haben sie, sie sind absolut rat- und vor allem hilflos.

Regierungen sprechen vom Sparen und verwechseln dies mit dem Kürzen von Ausgaben. Gespart hat keine einzige, und das schon seit Jahrzehnten nicht mehr, denn Sparen ist nichts anderes als etwas nicht auszugeben, das man hat. Davon sind sie aber meilenweit entfernt. Das einzige, das wir haben, sind Schulden. Das ist aber nichts, das man „hat“, sondern das, was man anderen schuldet, also das, was andere haben. Diese simple Tatsache ist zu den Herrschaften nur noch nicht durchgedrungen.

Noch 2012 haben die 27 Regierungen der EU-Staaten rund 520 Milliarden Euro mehr ausgegeben, als sie eingenommen haben. Da vom Sparen zu sprechen ist eine Farce und eine bodenlose Unverschämtheit. Die weltweite Gesamtverschuldung liegt bei rund 250 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (in offiziellen Zahlen) – komisch, oder? Wo stünde denn die Welt, wenn wir noch viel mehr gespart hätten?

Wenn Sie einen ganz erheiternden Moment erleben wollen, gehen Sie doch mal zu Ihrer Bank und sagen dort, dass Sie ja schon 20.000 Euro Schulden „haben“, im Prinzip vollkommen bankrott sind, Sie nur deshalb überleben, weil ihre Familie und Freunde ihren Lebensunterhalt und Ihre Rechnungen bezahlen, sich daran aufgrund Ihrer mangelhaften Kompetenzen auch in absehbarer Zeit nichts ändern, aber alles sehr viel besser aussehen wird, wenn man Ihren Kreditrahmen erhöht. Damit wären sie sofort wieder zahlungskräftig und die Problematik gelöst. Es dürfte schwer werden, den Kreditrahmen noch lange nutzen zu „dürfen“.

Nun wird der ein oder andere einwenden, dass man den Privatmenschen, der mit seinem eigenen Geld im Feuer steht, nicht mit dem Volksvertreter vergleichen kann, der mit dem Steuergeld anderer Leute haftet. Da haben diese Menschen recht. Die zweite Variante ist wesentlich unmoralischer!

Nun hat Mario Draghi noch einmal ordentlich Öl ins Feuer gegossen. Ein Leitzins von null Prozent! Und Strafzinsen, wenn Banken ihr Geld bei der EZB deponieren, anstatt alles zu finanzieren, was (vielleicht) noch etwas mehr wert ist als eine müffelnde Socke. Frei nach dem Motto: Immer raus damit, irgendjemand wird schon dafür geradestehen.

Ludwig Erhard (1897-1977), der zweite Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland (und einer der wenigen Lichtblicke, wenn man die Vergangenheit betrachtet), hat als ausgebildeter Wirtschaftsfachmann sehr treffend bemerkt, dass jede Ausgabe des Staates auf einem Verzicht des Volkes beruht. Jeder Cent, der an Schulden aufgetürmt und nicht für nachhaltige und sinnvolle Investitionen genutzt wird, ist ein Verrat an der Zukunft und kann mit überhaupt gar nichts gerechtfertigt werden. Diese enormen Schulden sorgen dafür, dass wir – sollte der zu zahlende Zins nur um ein jämmerliches Prozentpünktchen steigen – faktisch mausetot sind.

Aber erst einmal sind wir bei null Prozent angekommen, jetzt kann es nur noch ins Minus gehen – ein Vorgang, für den man vor rund zehn Jahren noch als Verschwörungstheoretiker belächelt worden wäre. Diese nicht mehr vorhandenen Zinsen wirken sich auf definitiv alle klassischen Sparvorgänge der „normalen“ Menschen in einem den meisten noch nicht bewussten, aber dafür umso brutaleren Ausmaß negativ aus. Dazu dann noch das Bargeldverbot – und fertig ist der Orwellsche Superüberwachungsstaat, der einem das Hemd so schnell auszieht, dass es einem nicht mal mehr auffällt.

Für jede Regierung der Welt ist die Niedrigzinspolitik ein Geschenk des Himmels, sorgfältig über viele Jahre durch ihre bürgerverachtende Politik vorbereitet und mit der Hilfe ihrer Freunde und Partner aus den Reihen der Hochfinanz und der Großkonzerne, die sich über viele Jahre durch Privilegien und Subventionen gegenüber anderen Marktteilnehmern ein dickes, jeden harten Winter überstehendes Polster anfressen konnten, ausgeführt. In dieser Konstellation ergibt sich eine unfassbar gnadenlose Enteignung, die das Wort „Umverteilung“ ganz neu definiert.

Um diesem Irrsinn dann noch den letzten hinterlistigen Todesstoß zu versetzen, wird die ganze fiese Nummer als Kapitalismus verkauft, den es unbedingt zu bändigen gilt. Diese Begriffspervertierung ermöglicht auf unfassbare dreiste Weise, dass nach noch mehr Gesetzen und Vorschriften geschrien wird und die Bevölkerung sich selbst den Hals umdreht.

Ein perfides Spiel, das dazu führt, dass demnächst jeder, der über 60.000 Euro im Jahr verdient und ganz bedeutend zum Wohlstand dieses Landes beiträgt, als „Reicher“ so lange finanziell und moralisch gejagt wird, bis er freiwillig entweder all seine Errungenschaften abgibt oder aber demoralisiert das Weite sucht, nur um einem unrettbaren System den Dienst zu erweisen.

Das nicht gedeckte Papiergeld galt lange Zeit als Garant für Wohlstand. Nun zeigt sich, und wir stehen hier noch ganz am Anfang, dass wir lange getanzt haben – nach der x-ten „Krise“, die in Wahrheit nur eine Aneinanderreihung von ständigen „Krisen“ ist, müssen wir für die Musik bezahlen.

Das nicht gedeckte Papiergeld, das nun auch noch so popelig billig ist, sorgt dann dafür, dass wir nicht nur für die Musik zahlen, sondern den Saal auch noch bis auf den letzten Krümel aufräumen müssen. Diese Räuberbande bringt sogar den Teufel zum Weinen.

Dies ist ein Auszug aus „Ein ‚amüsanter Ratgeber‘ zu gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Fehlentwicklungen“ von Susanne Kablitz.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog der Autorin.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Staatswirtschaft

Mehr von Susanne Kablitz

Über Susanne Kablitz

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige