06. März 2016

Börse Den Gewinn einfahren – gar nicht so einfach

Jammern nach dem Verkauf der Aktie ist nicht klug

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Bildquelle: shutterstock Kein guter Berater beim Aktienhandel: Gier

Die meisten Aktionäre tun sich schwer mit dem Verkaufen ihrer Aktien. Das hat schon manchen Investor viel Geld gekostet. Es lohnt sich, an seiner Verkaufseinstellung „zu arbeiten“.

Für den Investor an der Aktienbörse geht es oft schneller, als man denkt. Die Kurse sind in Bewegung. Das Schicksal meint es gut mit einem. Durch glückliche Umstände ist man unversehens mit zehn oder 20 Prozent im Gewinn bei einer Aktienposition. Es stellt sich bald die Frage: „Soll ich verkaufen?“

In einem solchen Fall sollten wir zwei Aspekte näher betrachten:

Ängste

Anstatt sich rundherum zu freuen, machen sich die ersten Sorgenfalten auf der Stirn bemerkbar. Was geht da auf einmal so alles durch den Kopf des Börsianers? „Ist es nicht zu früh? Aber was ist, wenn die Aktie langsam wieder nach unten dreht? Der Gewinn schmilzt dahin, erst auf acht Prozent, dann auf sechs Prozent, und schließlich ist der ganze schöne Buchgewinn dahin. Das wäre doch schrecklich.“ Hier geht es um Ängste – die Angst vor Verlust, letztlich Besitz-Verlustängste. Das ist ein Thema, mit dem sich der Investor unbedingt vor dem Kauf der Aktie auseinandersetzen sollte. Es empfiehlt sich, das Szenario eines überraschenden Kursgewinns vorher bereits geistig mehrmals durchzuspielen.

Jeder Mensch hat da sein eigenes Psychogramm. Was für den einen viel ist, ist für den anderen wenig. Die nervliche Konstitution eines jeden Geldanlegers ist anders. Patentlösungen dazu wird man in keinem Buch finden. Wichtig ist es, in einer ausgeglichenen Gemütsverfassung seine Verkaufsentscheidung zu treffen. Und zwar in Ruhe. Das geht weder zwischen „Tür und Angel“, noch mit innerer Zerrissenheit und unbedachten Spontan-Entschlüssen.

Besitzgier, „Habenwollen“

Aber es gibt noch eine zweite, oftmals fatale Sorge, weshalb sich der Aktionär nicht zum Verkaufen seiner Aktienposition durchringen kann: das schlimme Gefühl, nicht genug aus der Transaktion herausgeholt zu haben. Die Vorstellung, dass die Aktie ja noch weiter steigen könnte. Anstatt zufrieden einen schönen Gewinn einzufahren, dominiert die Furcht, weitere Kursanstiege zu verpassen.

Das ist ein ganz gefährlicher Gift-Cocktail erster Güte, das kann ich Ihnen aus eigener Erfahrung versichern. Da sind schon riesige Summen verlorengegangen: Statt Dankbarkeit verdrängen auf einmal Gier und Missgunst den gesunden Menschenverstand. Eine Sorge, die keine Sorge ist. Alles nur geistige Luftnummern. Was zählt, ist, was ich für die Aktie gezahlt habe und wieviel ich nun dafür bekomme. Wenn dabei ein Gewinn herausspringt, dann ist das doch wunderbar. Alles weitere, was danach mit der Aktie an der Börse passiert, geht mich doch überhaupt nichts mehr an. Ich habe mein Geschäft gemacht. Die Missgunst, dass andere Investoren an „meiner“ Aktie weiter oder sogar mehr verdienen könnten, hat schon viele Aktionäre von einem guten Verkaufszeitpunkt zur rechten Zeit abgehalten. Mit finanziell fatalen Folgen.

Aus meiner Erfahrung kann hier eine alte Regel helfen. Sie heißt: „Die nächsten zehn Prozent immer für den nächsten.“ Ich finde an der Börse ja nur einen Käufer zum höheren Preis für meine Aktien, wenn sich der Käufer auch etwas ausrechnen kann. Er braucht eine Perspektive, eine Vision von höheren Kursen. Sonst würde er mir die Aktie auf dem erhöhten Niveau nicht abkaufen. Also verkaufe ich immer gerne etwa zehn Prozent unter meinem eigentlichen Zielkurs. Im Lauf der Jahre habe ich mir bewusst folgende Technik antrainiert: Steigt der Kurs weiter, nachdem ich verkauft habe, freue ich mich ganz bewusst für den Käufer. Ich selbst investiere ja weiter mit dem Erlös aus meinem Verkauf. Ich bin ja schon auf zu neuen Ufern mit einer anderen Aktie. Oder ich fange etwas ganz anderes mit dem Geld an. Da ist doch alles in Ordnung.

Ist eine Transaktion erfolgreich abgeschlossen, interessiert mich nur, ob ich danach reicher bin als vorher. Die Aktie war für mich nur ein Werkzeug, ein Mittel, mein Vermögen zu mehren. Ist die Aktie verkauft, schaue ich nicht mehr täglich nach dem Kurs. Nur noch selten. Ich habe ja verkauft und will nicht gleich wieder einsteigen. Also, warum sollte ich meine Zeit und Gedanken damit verschwenden, den weiteren Kursverlauf zu verfolgen? Das ist ja emotionaler Blödsinn, nichts anderes. Leider ist diese Haltung bei vielen Investoren anzutreffen, die offensichtlich einen Anlass suchen, zu jammern. „Oh, wie grässlich, ich habe viel zu billig verkauft. Hätte ich doch mehr Geduld gehabt. Mein Gott, wie ist die Aktie noch gestiegen...“ Was für eine Vergeudung. Es sei denn, der Investor hat eine Veranlagung zum Selbstmitleid. Oder er versucht, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Das mag es ja geben. Bessere Börsengeschäfte macht man damit sicher nicht.

Seit langer Zeit bemühe ich mich, einen alten Ratschlag zu befolgen: „Ein kluger Investor soll sich auf Gewinne nicht allzu viel einbilden und sich nicht allzu sehr über Verluste aufregen.“ Genau, das trifft den Nagel auf den Kopf. Glauben Sie mir, das kann man schaffen. Arbeiten Sie dran. Es wird sich in vieler Hinsicht lohnen. Sie werden es sehen, da bin ich mir ganz sicher.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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