01. März 2016

Angst vor Migranten Überfremdung? Nein, Selbstentfremdung!

Über Flüchtlinge und Sachsen

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Bildquelle: shutterstock Sorgen für Unsicherheit: Zuwanderer

Was haben Flüchtlinge und Sachsen gemein? Beide sind nicht das Problem und haben daher auch keine Pauschalverurteilungen verdient.

Die Debattenkultur in Deutschland war nie besonders hochentwickelt. Doch die Selbstverständlichkeit und Promptheit, mit der mittlerweile pauschal gegen alle möglichen Bevölkerungsgruppen gehetzt wird, stellt einen neuen Tiefpunkt in der politischen Auseinandersetzung dar. Man interessiert sich kein bisschen mehr für den Einzelnen und für die genauen Standpunkte. Das einzige, was zählt, ist die Herkunft, eine ganz bestimmte kulturelle Schablone, vielleicht noch die Sprache, und das reicht schon, um Menschen in Schubladen zu stecken.

Ja, natürlich gilt dies auch für den Umgang mit Migranten; ich meinte aber gerade die Vorurteile gegenüber den Sachsen! Denn was sich die „Hamburger Morgenpost“ diese Woche erlaubt hat, als sie den Freistaat Sachsen als Schandfleck Deutschlands bezeichnete und auf der Deutschlandkarte braun einfärbte, ist selbst allerunterstes Pegida-Niveau. Ist das polemische Maschinengewehr erst einmal gefechtsbereit, wird es auch eingesetzt – von allen Seiten, gegen alle Seiten. Seit wann aber werden Pauschalverurteilungen damit gerechtfertigt, dass man damit möglicherweise den einen oder anderen zu Recht trifft?

Um Fremdenfeindlichkeit effektiv zu bekämpfen, sollte man versuchen, zu begreifen, warum Fremdenfeinde so ticken, wie sie ticken. Tatsache ist: Immer mehr Menschen fühlen sich heute „fremd im eigenen Land“. Zumeist sehen sie dieses Gefühl als logische Reaktion auf die „Überfremdung“, also auf den Zuzug von Ausländern, den sie für übermäßig halten. Interessant ist aber, dass dieses Fremdeln gerade auch in Regionen stark ist, in denen der Anteil an Migranten und Flüchtlingen vergleichsweise gering ist.

Natürlich kann man sich über diesen „Widerspruch“ arrogant amüsieren. Viele Menschen in Westdeutschland tun dies und machen die „Ossis“ für die Probleme verantwortlich. Klugheit bringen sie damit nicht zum Ausdruck. Denn schaut man genauer hin, stellt man fest, dass das Gefühl der Fremdheit keineswegs eingebildet oder eingeredet, sondern absolut real ist. Spannend wird es bei der Frage nach dem Adressaten: Denn diese Fremdheit hat weniger mit Migranten zu tun als vielmehr mit der Erosion gesellschaftlicher Grundüberzeugungen und Gewissheiten. Diese Entwicklung, die für viele Menschen gerade in der Flüchtlingskrise deutlich wird, löst Befremden und Enttäuschung aus.

Deswegen ist es auch kein Widerspruch, dass das Fremdheitsgefühl gerade auch dort stark ist, wo es kaum Fremde gibt – also eher im ländlichen Raum und eben auch in Ostdeutschland. Hier wird es ganz besonders deutlich: Die Fremdheit kommt nicht von außen, sondern aus den Bruchstellen der eigenen Gesellschaft heraus. Die Menschen spüren dies, aber es fehlt das politische Vokabular, um dieses Phänomen sinnvoll einzuordnen. Die einzige verfügbare Erklärung für diese Entfremdung wird daher dort gesucht, wo Fremdheit klar identifizierbar ist – auch wenn das zu paranoiden Vermutungsstürmen und zu wüsten Verschwörungstheorien führt.

Die mit der Fremdheit im eigenen Land einhergehende tiefe Verunsicherung erklärt auch das seltsame Gedruckse der Entfremdeten: „Ich habe nichts gegen Flüchtlinge, aber…“ ist keine Schutzbehauptung, sondern offenbart, dass sich die Entfremdung nicht nur auf die Gegenwart des Fremden beschränken lässt. Häufig geht der Fremdenhass einher mit einem wachsenden Hass auf die eigene Gesellschaft, in der man sich selbst abgehängt fühlt. Mit einer tiefen Bindung zur deutschen Kultur oder zur deutschen Geschichte hat die moderne Fremdenfeindlichkeit nur am Rande zu tun.

Das Problem ist also nicht eine von außen kommende „Überfremdung“, sondern eine innere „Entfremdung“ von der eigenen Gesellschaft. Und in dieser Entfremdung sind sich „Wessis“ und „Ossis“ ähnlicher, als sie denken. Wenn wir das nicht erkennen und nicht damit beginnen, Befürchtungen und Ängsten von Menschen ernsthaft zu begegnen, sondern ihnen weiterhin den Mund verbieten und sie gegeneinander aufhetzen, werden die Selbstentfremdung und die Entzweiung weiter fortschreiten. Wenn einem fast alle Menschen fremd sind, spielt es keine Rolle, wo sie herkommen.

Dieser Artikel erschien zuerst in der BFT Bürgerzeitung.


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