27. Februar 2016

Prognosen Warum unsere Zukunft nicht berechenbar ist

Ist auch besser so

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Bildquelle: shutterstock Noch nicht zu haben: Raketenrucksack

Haben Sie vor 20 Jahren die Möglichkeit vermisst, eine SMS zu schreiben? Oder hatten Sie damals das Gefühl, ohne ein Navigationssystem wäre eine Autofahrt von Bern nach Schaffhausen unmöglich? Wie oft haben Sie in den 80er Jahren Ihren Kaffeehersteller angerufen und gesagt: Ich hätte gerne ein Kapselsystem, bei dem ich meinen Kaffee nicht mehr im Geschäft kaufen kann, sondern nur noch übers Internet? All das war nicht vorhersehbar. Doris Day hatte vollkommen recht, als sie in „Que Sera, Sera“ sang: „the future’s not ours to see“.

Das Problem: Zuzugeben, dass viele Aspekte unseres Lebens ziemlich unberechenbar sind und dass wir meist nicht die leiseste Ahnung haben, wie eine Sache ausgehen wird, kommt für uns oft einer Kapitulation gleich. Wir mögen keine Unsicherheiten. Deswegen sagen wir zu jedem noch so komplexen Thema irgendetwas vermeintlich Schlaues: „Kein Problem, die Renten sind sicher!“, „Neenee, um die Jahreszeit brauchst du da nie und nimmer Schneeketten!“ oder „Ach, der Knubbel am Hals geht garantiert wieder weg.“

Und auch wenn wir mit solchen Sprüchen schon zigmal falsch lagen, schnattern wir uns auch beim nächsten Mal wieder um Kopf und Kragen. Das ist bei Experten nicht viel anders. In den 80er Jahren hat der Sozialpsychologe Philip E. Tetlock die renommiertesten Experten aus unterschiedlichen Fachgebieten gebeten, Einschätzungen über die Zukunft abzugeben. Wie sieht die Welt in 20 Jahren aus? Wie entwickelt sich die Bevölkerung? Wird es mehr oder weniger Kriege geben? Gehen die Rohstoffe zur Neige? Und so weiter, und so weiter.

Insgesamt befragte er 248 Fachleute aus den unterschiedlichsten Wissensdisziplinen und erhielt so über 80.000 detaillierte Einschätzungen zu Ereignissen und Entwicklungen in der Zukunft. Dann wartete er 20 Jahre lang und glich die Aussagen der Fachleute mit der Realität ab. Das Ergebnis war niederschmetternd. Die Einschätzungen der Fachleute waren praktisch alle falsch. Allein 15 Prozent der von ihnen als vollkommen undenkbar eingestuften Ereignisse traten tatsächlich ein, während 25 Prozent der von ihnen als absolut sicher eintretenden Entwicklungen ausgeblieben sind.

Doch noch viel schlimmer: Tetlock stellte eine bemerkenswerte Korrelation zwischen der Prognosequalität der Experten und der Häufigkeit fest, mit der sie im Fernsehen auftreten. Sie ist auch als „Goldene Regel der Sektherstellung“ bekannt: Die größten Flaschen sind meist auch die lautesten.

Warum irren Experten? Immerhin wissen sie zweifellos viel mehr über bestimmte Zusammenhänge als Laien. Tetlocks Ergebnisse zeigen, dass erfahrene Fachleute den Laien durchaus überlegen sind. Aber nur, wenn es um eng begrenzte Themenfelder, Tätigkeiten oder Aufgaben geht. Stephan Lichtsteiner verwandelt mit Sicherheit mehr Elfmeter als Sie, lieber Leser. Sofern Sie nicht zufälligerweise Lionel Messi heißen. Ein Gehirnchirurg kann eine Lobotomie wesentlich besser ausführen als ein Steinmetz. Wobei es für das Opfer wahrscheinlich keinen Unterschied machen würde.

Wenn es jedoch um vielschichtige, weltumspannende Prognosen und Erklärungen geht, scheitern Fachleute. Nicht, weil sie Experten sind, sondern weil die Welt als Ganzes zu komplex ist, um sie zu erfassen. Löst China die USA als Weltmacht ab? Zerstört der Handywahn unsere Gesellschaft? Ist es in Zukunft möglich, ohne Atomstrom die vielen Windräder anzutreiben? Die einzige sinnvolle Antwort auf diese Fragen lautet: Wir wissen es nicht!

Es ist schlichtweg unmöglich, Unvorhersehbares vorherzusehen. Wissenschaftliche Erkenntnisse und Technologien verdoppeln sich je nach Fachgebiet alle zehn bis 20 Jahre. Noch im Jahr2005 ist der Modezar Rudolph Moshammer mit einem Telefonkabel erdrosselt worden. Heute wäre das rein technisch gar nicht mehr möglich.

Alleine die Dynamik des Fortschritts macht es unmöglich, die Zukunft weiter als ein Jahrzehnt vorherzusagen. Genau deswegen erscheinen uns rückblickend praktisch alle Zukunftsprognosen der namhaftesten Experten ihrer Zeit als lachhaft. Wenn man überhaupt etwas mit Gewissheit über die Zukunft sagen kann, dann nur, dass sie uns überraschen wird. Wir fliegen heute nicht mit Rucksackraketen durch die Lüfte, essen keine Astronautennahrung und haben kein Mittel gegen Krebs. Dafür haben wir das Internet, keine Mauer mehr und eine Pille, die bei ihrer Einnahme eine Erektion verursacht. Und seien wir mal ehrlich, wer braucht da schon Rucksackraketen?

„The future’s not ours to see“ – für viele von uns ist das eine unbefriedigende Vorstellung. Doch in Wirklichkeit ist das toll. Denn wenn unser Leben tatsächlich vorhersehbar und berechenbar wäre, würde das ja bedeuten, dass die Zukunft feststeht. Wenn aber die Zukunft feststeht, wo ist dann die Freiheit? Wo ist dann der Raum für Phantasie? Freiheit, Fortschritt und Innovation gibt es nur um den Preis der Unberechenbarkeit. Que sera, sera…

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.


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