18. Februar 2016

Private und öffentliche Sicherheit Pfefferspray im Wohlstandskiez

Ein Teil der Bürger hat verstanden

Artikelbild
Bildquelle: shutterstock Gefragt wie nie: Pfefferspray

Hamburgs Isemarkt ist eine kulinarische Institution. Unter einem Hochbahn-Viadukt im großbürgerlichen Stadtteil Harvestehude schlagen jeden Dienstag und Freitag rund 200 Händler ihre Stände auf. Von der Mittelmeer-Dorade über spanischen Pata-Negra-Schinken, schwäbische Maultaschen, Hamburger Ravioli mit Walnuss-Gorgonzola-Füllung, Entenleber aus dem Périgord und Filet vom Dithmarscher Salzwiesenlamm gibt es alles, was den Gourmet erfreut. Für die Besitzer erlesener Küchenschneidewerkzeuge steht ein Schleifer bereit. Der Isemarkt ist auch eine Touristenattraktion. Besteht doch eine Chance, hier der einen oder anderen Promi-Nase gewahr zu werden, etwa Schauspieler, TV-Moderatoren, Chefredakteure. Die Moralhaubitze Ulrich „Le grand fromage“ Wickert räumte früher die Käsetheken des Isemarktes ab. Auch der im letzten Jahr verstorbene Feuilletonschlemihl Hellmuth Karasek ließ sich öfters blicken.

Wirklich, der Isemarkt bietet alles. Neuerdings sogar Pfefferspray.

Am nördlichen Marktende, gegenüber dem Eingang zur U-Bahn-Station Eppendorfer Baum, verkaufte letzten Freitag ein junger Mann aus einem Köfferchen heraus Sprühdosen mit „Pfeffer Gas“. Unwahrscheinlich, dass er sich dafür eine Marktlizenz besorgt hatte. An dieser Stelle stehen gelegentlich Amateure, die irgendwas verticken. Oder Aktivisten, die für irgendeine Initiative tröten. Aber Pfefferspray, in dieser exklusiven Wohnlage? Das bringt einen doch ins Grübeln.

Man muss wissen: Harvestehude und der angrenzende Stadtteil Eppendorf werden von einer hanseatischen Parallelgesellschaft aus Gutgesinnten und Besserverdienenden dominiert. SPD und Grüne sind hier übermächtig. Die Befindlichkeit dieses Milieus hat selbstredend nichts mit der Situation in weiten Teilen des Hamburger Stadtstaates gemein. Es handelt sich um Residenten einer ideologischen Wunschwelt, die sich niemals in prekäre Gebiete wie Wilhelmsburg, Harburg, Steilshoop, Mümmelmannsberg, Billbrook oder Hamm verirren. Dorthin, wo die Integrationsbereitschaft von Generation zu Generation schwindet, bei Migranten wie Biodeutschen gleichermaßen. Wo Satellitenschüsseln auf sämtlichen Balkonen stehen und wo kein Mensch, dem seine Brieftasche lieb ist, nächtens durch gewisse Straßenzüge streift.

In Harvestehude/Eppendorf mit den prachtvollen Gründerzeithäusern und den von mächtigen Bäumen gesäumten Straßen liegen die Mieten auf schwindelerregendem Niveau. Ebenso die Immobilienpreise. Deshalb gibt es hier keine nennenswerte Migrantenszene. Wenn man von den Betreibern der Edel-Italiener, Sushi-Tempel oder Früchte-Feinkostläden absieht.

Gegen eine in der Osterfeldstraße geplante größere Zugezogenen-Siedlung formiert sich gegenwärtig Protest aus der Nachbarschaft. Man möchte den neuen Mitbürgern nämlich nicht zumuten, in einem „Ghetto“ untergebracht zu werden, wie es ein Opponent listig formulierte. Gegen Flüchtlinge als solche hat der Mann aber bestimmt nicht das Geringste.

Das Reservat der Betuchten und Behüteten enthält die mutmaßlich republikhöchste Dichte von „Zeit“- und „Spiegel“-Abonnenten. Auch aktuell tätige oder vormalige Redakteure jener Periodika nisten gern in Eppendorf und Harvestehude. Ferner viele NDR-Redakteure. Denn ihr Sender betreibt seine Rentenanstalt mit angeschlossenem Funkbetrieb im nahen Stadtteil Rotherbaum. Ebenfalls eine wunderbar begrünte, sauteure Wohngegend der Hansestadt.

Alle drei Stadtteile scheinen im Presseportal der Hamburger Polizei, das das kriminelle Geschehen an der Elbe täglich erstaunlich ungefiltert abbildet (ganz im Gegensatz zu den lokalen Medien), nicht besonders häufig auf. Sogar bei den – auch in Hamburg epidemisch grassierenden – Wohnungseinbrüchen kommen die Bewohner dieser noblen Kieze recht gut weg.

Warum sollten ausgerechnet sie Bedarf an Pfefferspray haben?

Interessanter Gedanke. Er führt unvermeidlich zum Punkt, dass sich Sichtweisen offenbar erheblich verändert haben. Schon seit etlichen Jahren, besonders aber seit der Neujahrsnacht. Plötzlich hagelt es Ratschläge aus dem Mediengestrüpp, und zwar an die Adresse von Frauen. „WAZ“: „Wie Frauen sich effektiv gegen Angreifer wehren können.“ – „Welt“: „Oft helfen einfache Tricks, um Täter abzuschrecken.“ – „Stern“: „So schützen sich Frauen gegen Schläge ins Gesicht.“ – „Focus“: „Die Stiletto-Notwehr“: „Mit diesen Tricks werden Sie Angreifer ganz schnell los.“

Ähnlicher Quark wurde in zahlreichen anderen Stücken breitgetreten.

Derlei Anstiftung zur weiblichen Wehrhaftigkeit ist nicht bloß lebensfremd. Sie ist brandgefährlich. Denn der Versuch, sich mittels einiger im Hauruckverfahren angelernter Hiebe und Tritte, die im Bedarfsfall oft nicht mehr richtig beherrscht werden, gegen geübte Schläger und potentielle Messerstecher zu verteidigen, kann Angriffe noch verschlimmern. Selbst ein robustes Mannsbild hat ja kaum Chancen gegen ein Rudel von Aggressoren.

Noch perfider bei derlei „Lebenshilfe“ (wie Journalisten ihr wohlfeiles Ratgebergeschwafel redaktionsintern nennen) ist freilich dies: Mit der Wehr-dich-doch-Parole wird die Verantwortung für die eigene körperliche Unversehrtheit einfach verlagert. Und zwar von der Polizei auf die Bürger.

Vergewaltigt? Selber schuld. Hättest mal lieber einen Karatekurs an der VHS belegen sollen, Mädel!

Viele Leute nehmen solchen Unfug stoisch hin – noch. Nein, sie schreiben keine wütenden Leserbriefe. Nein, sie kündigen ihre Abos nicht. Sie wählen auch nicht massenhaft AfD, nicht in Hamburg. Sie mucken nicht mal auf, wenn die Polizei, statt ihre Wohnungen und Häuser zu schützen, ihnen „Präventionsseminare“ andient. Bei denen sie lernen dürfen, sich und ihre Wohnstätten gefälligst selber zu schützen.

Das verschlingt, handwerklich solide ausgeführt und mit den neuesten technischen Finessen versehen, rund 20.000 Euro. Halbwegs einbruchssichere Fenster schlagen mit 500 Euro zu Buche – pro Stück. So berichtete kürzlich eine BR-Reportage unter dem Titel „Einbrecherbanden – hat die Polizei resigniert?“.

Der forsche Titel trog. Die Reportage war nicht viel mehr als ein abgefilmtes Präventionsseminar. Statt den Skandal aufzuzeigen, dass Polizei und Justiz jegliche Kontrolle über die Einbruchskriminalität verloren haben – alle 3,5 Minuten ein Bruch, die Aufklärungsquote ähnlich hoch wie bei Fahrraddiebstahl –, gab der Bericht absurden Täter-Opfer-Verdrehungen Raum. Nicht die Bürger sind nach polizeilichem Neusprech verunsichert und gefährdet, sondern deren Behausungen „gefährlich ungesichert“ (O-Ton BR).

Ansonsten: Beschwichtigung, Relativierung, Schönfärberei und Eigenlob („Die Polizei macht einen guten Job“). Und einmal, nur einmal, ein zarter, verdruckster Hinweis darauf, um wen es sich bei den meist bandenmäßig organisierten Tätern überhaupt handelt („sehr hoher Nichtdeutschen-Anteil“).

Himmisakra! Sehr weit vom WDR liegt der Bayernfunk, scheint’s, wohl auch nicht mehr.

Warum wird nicht konkret gesagt, was die Botschaft solcher Berichte ist? Sie lautet: Leute, seht zu, wie ihr mit dem Schlamassel klarkommt. Wir, die Behörden, sind mit unserem Latein am Ende. Jetzt seid ihr am Ball. 

Ein Teil der Bürger hat die Botschaft längst verstanden. Wie die enorm angestiegene Zahl der Anträge für den „Kleinen Waffenschein“ und der Run auf Pfefferspray, chemische Keulen und verwandte Produkte anzeigt. Die Kölner Sex-and-Crime-Party und ihre Ableger in einem Dutzend deutscher Städte waren dafür lediglich der Auslöser.

Vielleicht macht der ambulante Pfefferspray-Verkäufer demnächst einen regulären Stand auf dem Isemarkt auf? Sollte ich bei ihm mal den Uli Wickert sichten, so stände für mich fest: Selbst Hamburgs Juste Milieu lernt manchmal was dazu.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Sicherheit

Mehr von Wolfgang Röhl

Über Wolfgang Röhl

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige