15. Februar 2016

Textrezeption Die Qualität schwankt mit den „Likes“

Wehe, es stimmen zu viele Falschmeiner zu

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Bildquelle: shutterstock Entscheidend: Die richtigen Likes und die richtigen Dislikes

Derselbe Wein schmeckt bekanntlich aus verschieden geformten Gläsern ganz leicht unterschiedlich; ein Mysterium, das sich aber durch minimale Abweichungen bei den Zungenregionen rationalisieren lässt, auf die der Rebsaft wegen der verschiedenen Formen trifft. Ein ähnliches, wenngleich weit durchschlagenderes Phänomen ist zuweilen auch beim „Geschmack“ ein- und desselben Textes in verschiedener Umgebung zu beobachten. Ich meine dabei nicht die Tatsache, dass ein Artikel in einem angesehenen Periodikum immer seriöser wirkt, als wenn derselbe Artikel in einer Studentenzeitung stünde; das ist normaler Selbstbetrug. Viele Menschen scheinen aber der Ansicht zu sein, dass die Qualität eines Textes davon abhängt, wer ihm beipflichtet und wer nicht, ja nicht nur das: Sie meinen offenbar, die Qualität verändere sich geradezu dadurch. Derselbe Gedankengang, den sie am Morgen noch glänzend fanden, kommt ihnen am Nachmittag anrüchig vor, nachdem sie gelesen haben, wie viele Falschmeiner den Text, worin er entwickelt wurde, „geliked“ und kommentiert und wie viele maßgebliche Vertreter des Establishments ihn verurteilt haben. Plötzlich fällt ihnen auf, welch gefährliche Assoziationen in diesem Text verborgen liegen, auf welche radikalen Folgerungen er hinauslaufen könnte. Ihre Sympathie für den Autor beginnt zu verfliegen; im Grunde sind sie ihm sogar ein bisschen böse dafür, auf welches Eis er sie geführt hat und welche Begeisterung er dabei aus ihnen zu kitzeln vermochte. Am Morgen werden sie sich erstmals öffentlich von diesem Autor distanzieren.

Nur der Text ist unverändert geblieben.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Acta diurna.


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