06. Februar 2016

Arabisch als Pflichtfach Vorbild DDR

Englisch kann sich warm anziehen

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Bildquelle: shutterstock Pflicht für deutsche Schüler: Zugang zur arabischen Welt

Eins

Gestern abend erzählte mir ein befreundeter Physikprofessor, er habe in allen seinen wissenschaftlichen Publikationen noch nie eine Arbeit zitiert, die vom afrikanischen Kontinent und aus dem arabischen Raum stamme, Südafrika und natürlich Israel ausgenommen, und zwar keineswegs vorsätzlich, sondern weil dort einfach nichts Relevantes veröffentlicht werde. Was das gesamte muslimische Vorderasien angehe, bildeten der Iran und die post-Atatürksche Türkei Ausnahmen, wobei letztere unter Erdoğan sich inzwischen möglicherweise zur Regression anschicke.

Heute nun lese ich, ein, wie es heißt, Experte heische Arabisch als Pflichtfach in deutschen Schulen. Etwa bei ntv: „Mit seiner Forderung, auch deutsche Kinder müssten in der Schule Arabisch lernen, stößt der Präsident der privaten Kühne Logistics University in Hamburg, Thomas Strothotte, eine neue Debatte über Integration an. In einem Gastbeitrag für die Zeitung ‚Die Zeit‘ schrieb Strothotte: ‚Hierzulande sollte hinzukommen, dass die Flüchtlingskinder aus dem Nahen Osten Deutsch und die deutschen Kinder Arabisch lernen.‘ Beide Sprachen, so der Informatiker, müssten für alle Schüler und Schülerinnen bis zum Abitur zur Pflicht werden – und im Optimalfall auch als gleichberechtigte Sprachen im Unterricht anerkannt werden. Auf diese Weise würde den jungen Deutschen ‚ein Zugang zur arabischen Welt‘ ermöglicht. Bereits vor zwei Jahren hatte zudem der stellvertretende Hauptgeschäftsführer der Berliner Industrie- und Handelskammer, Christian Wiesenhütter, ähnliches gefordert. ‚Wir müssen endlich anerkennen, dass Arabisch eine Weltsprache ist, und wir müssen Schritt halten‘, hatte er dem ‚Tagesspiegel‘ gesagt.“

Das letzte Mal, dass einem Volk beziehungsweise einer Bevölkerung oder eben auch Menschen da draußen im (damals freilich festumfriedeten) Land eine Fremdsprache als Pflicht auferlegt wurde, war in der DDR, an deren Vorbildlichkeit für hiesige Schritthalter mit jedem Tag immer weniger Zweifel bestehen. Dass ausgerechnet ein Informatiker dergleichen vorschlägt, also ein Mensch aus einer Sparte, in der Arabisch nicht die geringste Rolle spielt, soll uns als Einwand nicht irritieren, denn in welcher wissenschaftlichen oder allgemeiner geistigen Sphäre, mit Ausnahme der religiösen, spielte Arabisch eine Rolle? Es ist, zuweilen, ein heikles Unterfangen mit der Gleichberechtigung.

Doch schauen wir zuerst auf die möglichen positiven Begleiterscheinungen flächendeckender Unterrichtung in der Sprache Muhammads, Gott segne ihn. Zunächst einmal könnten deutsche Kinder bereits nach kurzer Zeit das islamische Glaubensbekenntnis fehlerfrei sprechen, etwas später auch den Koran im Original lesen, was ja, folgt man den Auskünften muslimischer Bekenner, ein ästhetisch einzigartiges Erlebnis und für das sich-Einschwingen aufs Gebet nahezu unerlässlich sein soll. Wer sich für das Hochmittelalter, die Schriften von Averroës und Avicenna oder die arabische Endfassung der (eigentlich dem Indisch-Persischen entstammenden) „Geschichten aus Tausendundeiner Nacht“ interessiert – unter deutschen Schülern bekanntlich sehr verbreitete Leidenschaften –, wird im Arabischen großes Vergnügen und bisweilen gar Belehrung finden, wenngleich speziell lyrisch Interessierte sich besser gleich aufs Persische verlegen sollten. Nicht zuletzt kann eine arabisch bekundete Unterwerfung während einer nächtlichen U-Bahn-Fahrt zuweilen gesundheitsfördernd wenn nicht gar lebensrettend wirken.

In eine noch rosigere Zukunft einer deutsch-arabischen Lernsymbiose weist der launige Einwurf meines Kollegen ***, in diesem Falle erhöhe sich endlich einmal die Zahl derjenigen, die auch arabisch schreiben könnten. Will meinen: Die Zahl der arabischsprechenden Nichtanalphabeten stiege. Wenn biodeutsche Schüler ins Arabische drängten, bestünden gute Aussichten, dass dieses ehrwürdige Idiom sich bis zum endgültigen Verschwinden der beziehungsweise des Deutschen zu einer achtbaren und geschlechtergerechten neuen Umweltschutz-, Technikkritik-, Moralexport- und Antirassismussprache emporschwänge. Beziehungsweise schwönge. Oder schwängere. Es lebe denn also die deutsch-arabische Befruchtung, das Englische wird sich warm anziehen müssen, gewissermaßen. Inschallah!

Zwei

Was heißt übrigens auf Arabisch: Merkel muss weg?

Drei

Wolfgang Herles, ehemaliger Leiter des ZDF-Studios Bonn und Exmoderator der Kultursendung „aspekte“ , tat kund und zu wissen, was im Grunde jeder weiß, nämlich: „Es gibt tatsächlich Anweisungen von oben. Auch im ZDF sagt der Chefredakteur: Freunde, wir müssen so berichten, dass es Europa und dem Gemeinwohl dient. Und da braucht er in Klammern gar nicht mehr dazusagen: Wie es der Frau Merkel gefällt.“  Er setzte hinzu: „In besonderen Zeiten wird das ZDF zum Gesinnungssender.“ Die Flüchtlingskrise sei für ihn eine „besondere Zeit“. 

Wenn Medien, die mit einer staatlichen Zwangssteuer großzügigst finanziert werden und deren Intendantensessel proporzgenau mit Parteikadern besetzt sind, nicht nur als Staatsmedien wahrgenommen, sondern auch als solche bezeichnet werden, sollte das eigentlich niemanden erschüttern, und die meisten Zeitungen fühlten sich auch nicht bemüßigt, über dies Stöckchen zu springen, sondern setzten ihren demokratischen Schlummer fort. Und die seltsame Diskussion darüber betreffend, wie genau dergleichen – angeblich angebliche – Anweisungen nun den Weg zu den Redakteuren finden mögen: Was eine Sardine vermag, kann doch ein Journalist erst recht!

Vier

„Grüß Gott Herr Klonovsky, könnten Sie (sofern Sie Zeit und Interesse haben) das Projekt einprozent.de beschreiben oder kommentieren? Es wäre genial, wenn wir Ihre Leser erreichen könnten.“

Das sei, von mir unkommentiert, jenen selbst überlassen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Acta diurna.


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