04. Februar 2016

Wahlkampf in Amerika Iowa im Fieber der Primaries

Von Politikverdrossenheit keine Spur

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Bildquelle: Albert H. Teich / Shutterstock.com Gerät nie ins Schwitzen: Donald Trump

Die Amerikaner sind bekannt für ihre Wahlmüdigkeit und Politikferne. Aber in diesem Jahr ist alles anders. Das bekommen wir schon bei der Einreise am Flughafen zu spüren. Als ich auf die übliche Frage des immigration officers antworte, dass ich zur Beobachtung der Primaries gekommen sei, wird der gemütliche Dicke mit dem blond gefärbten Kaiser-Wilhelm-Bart plötzlich lebhaft. Wer denn sein Favorit sei, will er von meinem Enkelsohn Ferdinand wissen. Der weicht aus und nennt Marco Rubio, weil Illinois ein demokratisch gesinnter Staat ist. Der Dicke aber ist bekennender Republikaner. Er bevorzugt Trump und Ted Cruz, obwohl beide so unterschiedlich sind wie Feuer und Wasser. Darauf komme ich noch zu sprechen.

Als er unsere Fingerabdrücke nimmt, will der officer noch wissen, wie wir Merkel fänden. Ihre Einwanderungspolitik sei völlig verrückt. Sie solle sich mal ansehen, welche Probleme die USA mit illegaler Einwanderung hätten. Auf dem Weg zu unserem Hotel springen uns von den Titelseiten der Zeitungen in den Verkaufsboxen und auf den Bildschirmen die neuesten Nachrichten über den „Battle of Iowa“ entgegen. Im Hotelzimmer werden wir mit neuesten Meldungen von der Primarie-Front versorgt. Bei den Republikanern läuft es auf einen Dreikampf zwischen Donald Trump, Ted Cruz und Marco Rubio hinaus. Bei den Demokraten macht Bernie Sanders nach einer spektakulären Aufholjagd Hillary Clinton die Spitzenposition streitig.

Trump, mit den hellblond gefärbten Haaren, ist die schillerndste Figur in diesem Kampf. Er, der in der Vergangenheit den Wahlkampf der Clintons unterstützte, dessen Tochter Ivanka die beste Freundin von Chelsea Clinton ist, der auf keiner Clinton-Party fehlte, ist für die Republikaner angetreten. Dabei scheint er die Republikaner ebensowenig zu lieben wie Angela Merkel die CDU, der sie, wie wir wissen, nie ordentlich beigetreten ist. Sein Programm ist, sofern erkennbar, demokratisch. Seine poltrigen Reden sollen offenbar davon ablenken.

Trump, der sich in diesen Wahlkampfreden regelmäßig rühmt, mit den ultralinken Demokraten wie Nancy Pelosi und Chuck Schumer gut auszukommen, macht seine Mitbewerber von den Republikanern zur Schnecke. Anfangs konzentrierte er sich auf Jeb Bush, seit der auf ein bis zwei Prozent abgestürzt ist, richtet Trump seine Attacken auf Cruz (ist in Kanada geboren, darf deshalb nicht kandidieren) und Rubio (schwitzt wie ein Schwein). Trump gerät nie ins Schwitzen, denn er kann mit seinem privaten Lear-Jet bis in die unmittelbare Nähe seiner Auftrittsorte fliegen, auch wenn das heißt, dass seine Anhänger oft stundenlang warten müssen, bis sie den Veranstaltungsort wieder verlassen dürfen. Den Unmut, den er damit erzeugt, bekommt Trump nicht mit. Die Quittung erhielt er am Ende des Caucus in Iowa. Statt als strahlender Sieger seine Gegner weit hinter sich zu lassen, musste er sich Ted Cruz geschlagen geben und wäre beinahe noch von Marco Rubio auf den dritten Platz verwiesen worden.

Ted Cruz, Sohn eines kubanischen Vaters und einer amerikanischen Mutter, ist der Repräsentant der Tea-Party-Bewegung. Ein überzeugenderes Aushängeschild hätten sich die konservativen Rebellen nicht wünschen können. Cruz macht, im Gegensatz zu Trump, Wahlkampf mit Inhalten. Er wirbt unermüdlich für die aus seiner Sicht notwendigen Veränderungen in der Politik der Vereinigten Staaten. Sein Erfolg zeigt, wie sehr die Amerikaner das herrschende Politikkartell satt haben. Die Republikaner, denen von den Demokraten immer spöttisch nachgesagt wird, sie repräsentierten die alten weißen Männer, bewiesen bei den Primaries, dass sie, im Gegensatz zu ihren politischen Gegnern, junges, unverbrauchtes Personal zu bieten haben. Neben Cruz und Rubio, die Anfang 40 sind, den kaum älteren Ben Carson, der noch dazu schwarz ist und als Neurochirurg mit aufsehenerregenden Operationen auf sich aufmerksam gemacht hat.

Neben Trump, dem heimlichen Demokraten, konnten die Demokraten nur Großmütter und Großväter ins Rennen schicken. Hillary Clinton, deren Schicksal im Kampf gegen Obama einst in Iowa besiegelt wurde, als sie den Staat wider Erwarten klar verlor, muss sich diesmal gegen ein linkes Fossil durchsetzen. Bernie Sanders ist noch ein paar Jahre älter als sie. Er gehört zum ultralinken Flügel der Partei und bietet in seinem Programm, wenn man überhaupt davon sprechen kann, hauptsächlich an, Obama links zu überholen. Damit hat er erstaunlich viel Resonanz gefunden.

Im Gegensatz zu Hillary, die Großspenden einsammelt, ist Sanders auf viele Kleinbeträge der Basis angewiesen, die in ausreichender Menge zu fließen scheinen. Wie er seinen Wahlkampf gestaltet, ist allerdings beinahe grotesk. In einem viel gezeigten Wahlkampfspot betätigt sich der Mittsiebziger als eine Art Stepptänzer, flankiert von zwei schwarzen, halbnackten Girls, die sich winden müssen, als wäre der ausgeflippte Politik-Opa the most sexiest thing alive.

Seine Anhänger haben den Slogan herausgegeben: „Feel the bern“, was nach „burn“ klingt und offenbar den brennenden Enthusiasmus beschreiben soll, der dem alternden Kandidaten entgegengebracht wird. Sanders Veranstaltungen sind ein Symptom für die fortschreitende Infantilisierung der westlichen Linken, die auf die gesamte Gesellschaft überzugreifen droht. Hillary wirkt daneben grundsolide, obwohl sie immer noch von diversen Skandalen geschüttelt wird. Iowa konnte sie knapp gegen Sanders gewinnen. Allerdings ist ihr Vorsprung von 0,3 Prozent ein ähnlicher Schlag ins Gesicht wie Trumps zweiter Platz.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.


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