29. Januar 2016

Religion und Politik Wenn der Koran zum Gesetzbuch wird, Teil 1

Der Iran und die Geburt des islamischen Staatsterrorismus

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Bildquelle: shutterstock Für Islamisten allein gültig: Der Koran

Es war im Jahre 1982 im Flugzeug von Teheran nach London. Nach einigen Wochen in der aufgewühlten islamischen Republik Iran war ich jedes Mal froh, wenn ich die Grenz- und Zollkontrollen der islamischen Garden wieder einmal überstanden hatte und zurück nach Europa fliegen konnte. Achtmal reiste ich zwischen 1979 und 1983 zur Berichterstattung für das ZDF in das Reich des Ajatollah Ruhollah Khomeini. Das erste Mal gleich zwei Tage nach seiner Machtübernahme im Februar 1979.

So erlebte ich, wie eine säkulare Diktatur in eine radikalislamische Tyrannei verwandelt wurde. Unter dem Schah landete unweigerlich im Gefängnis, wer seine Herrschaft in Frage stellte, unter den Mullahs wurde zunehmend bis ins letzte Detail geregelt, wie sich Frauen kleiden durften, was gegessen werden durfte, wie man zu leben hatte. Vor allem die Zwangsverschleierung der Frau wurde zum Symbol der Unterdrückung. Deshalb war ich nicht sehr erfreut, als neben mir auf dem Flug nach London eine in schwarzes Tuch und eng sitzendes Kopftuch verhüllte Frau saß, die mich überhaupt nicht zur Kenntnis nahm.

Kaum hatten wir unsere Reisehöhe erreicht und die Stewardessen boten einen ersten Schluck eines alkoholischen Getränks an, als meine Nachbarin aufstand und in einer Toilette verschwand. Ich nippte noch am ersten Gin Tonic, als eine schick aussehende dezent geschminkte Mittvierzigerin zu mir kam und darum bat, an mir vorbei auf dem Nebensitz Platz nehmen zu können. Offensichtlich sah sie meinen verdutzten Gesichtsausdruck, lächelte charmant und meinte: „Ja, ich bin’s – die Dame in Schwarz.“

Wir begannen ein spannendes Gespräch über die islamische Revolution, die Fehler des Schahs und wie lange sich der islamische Rigorismus in einem doch ziemlich von einer säkularisierten Elite geprägten Land wird halten können. Meine Nachbarin, nennen wir sie Azadeh, zeigte sich davon überzeugt, dass bei der brutalen Gewalt, mit der das Regime vorging, es Jahrzehnte dauern würde, bis der Rückfall in das Mittelalter überwunden werden könne. Azadeh bestellte sich ein Glas Champagner, stieß mit mir an und sagte: „Auf Wiedersehen Iran, du meine Heimat. Ich werde nie wieder zurückkehren in dieses zivilisationslose Gefängnis. Diesem Land kann ich nicht mehr helfen.“

Azadeh stammte aus einer wohlsituierten Familie aus dem Norden Teherans. Dies machte es möglich, in London Psychologie zu studieren und in Teheran dann eine eigene Praxis zu eröffnen. Eine Ehe blieb kinderlos und wurde geschieden. Jetzt sei sie froh, weil eine Ausreise mit der Familie sehr schwer geworden wäre, denn ihr Beruf sei, falls sie ihn überhaupt noch als alleinstehende Frau hätte ausüben können, jetzt sinnlos.

„Was soll ich denn mit Einzeltherapien erreichen, wenn das ganze Land auf die Couch gehört“, begründete sie ihre Resignation. Unerträglich sei der Druck, der vor allem auf die Jugendlichen ausgeübt werde, die gnadenlose Trennung der Geschlechter, die weit über die traditionelle Zurückhaltung zwischen Männern und Frauen hinausgehe. Vor allem der Frust unter den jungen Männern drücke sich in der Gewalttätigkeit der islamischen Garden aus. Diesen Teil des Gesprächs beendete sie mit einer Voraussage, an die ich gerade in den letzten Tagen häufig denken muss: „Bei dieser feindlichen Einstellung zur natürlichen Sexualität wird der Iran und mit ihm die ganze Region eines Tages mit einer brutalen Massenejakulation explodieren.“

Schade, ich habe keinen Kontakt mit meiner Sitznachbarin unterhalten. Wir haben uns in London noch viel Glück gewünscht, uns voneinander verabschiedet und aus dem Blick verloren. Wie gerne würde ich sie heute fragen, was sie von einer islamischen Masseneinwanderung junger Männer nach Deutschland hält, wie sie die zunehmende Islamisierung von Marokko bis zu den Philippinen sieht und ob das, was in Köln passiert ist, nicht schon so ein Vorspiel der Massenejakulation war – nur nicht in Teheran, sondern in der Domstadt am Rhein?

Bei meinen ersten Reisen nach Saudi-Arabien, zwischen 1974 und 1984 besuchte ich das Königreich elfmal, wunderte ich mich über die vielen schwulen Männer, die offen Händchen haltend und schwer nach Parfüm riechend die Boulevards bevölkerten. Spätestens bei meinem zweiten Besuch im Reich der Wahhabiten, jener Islamlehre, die sich streng an der Koranauslegung orientiert, hatte ich begriffen, dass dies die saudische Variante von erotisch freien Männerfreundschaften ist, weil sowohl auf Homosexualität als auch auf außerehelichen Geschlechtsverkehr die Todesstrafe folgt. In den Tagen in Saudi-Arabien gewöhnten wir uns an die vollverschleierten Frauen, und mein englischer Kameramann nannte sie die „Dankelsacks“ nach unserem Dunkelsack, in dem damals noch die Filmrollen gewechselt werden mussten. Enge Kopftücher und Burka waren für mich unübersehbar die Symbole für die Unterwerfung der Frauen, die auf der Straße von Religionswächtern streng kontrolliert wurden.

Seit 1970 war ich auch regelmäßig in der Türkei, wo es so gut wie keine Frau mit Kopftuch gab, höchstens im anatolischen Hinterland bei älteren Bäuerinnen. Versuche rechter Parteien unter der Führung von Alparslan Türkeş und Necmettin Erbakan, den Islam in der Türkei zu stärken, scheiterten am Militär, das die säkulare Verfassung oft mit nicht gerade zimperlichen Methoden verteidigte. Im Dezember 1978 war ich als einziger deutscher Journalist bei dem Massaker von Kahramanmaraş, wo sunnitische Islamisten über 100 Aleviten, Angehörige einer schiitischen Sekte, aus den markierten Häusern jagten und sie auf offener Straße abschlachteten. Beschützt wurden wir vom türkischen Militär. Der Bericht im heute-journal war knapp drei Minuten lang. Der Rest der deutschen Presse schrieb von einer Auseinandersetzung zwischen Rechten und Linken. Doch es waren dies die Vorboten der Islamisierung der Türkei, die wir trotz der Millionen von Türken im Land nur am Rande registrierten.

Zwei Jahre später putschte das türkische Militär, verjagte den in Deutschland promovierten Diplomingenieur Erbakan, steckte ihn fünf Jahre ins Gefängnis und verbot ihm jegliche politische Betätigung.

Die Militärintervention wurde von allen „Demokraten“ in Europa, vor allem aber von den Linken heftig kritisiert. Damals ging es um die Alternative: Übernahme der Türkei durch einen zunehmend fundamentalen und intoleranten Islam oder Übernahme durch ein säkulares undemokratisches Militär. Eine Frage, die sich immer wieder in der islamischen Welt stellt. Zuletzt in aller Schärfe in Ägypten.

Einer der Jünger Erbakans war Recep Tayyip Erdoğan, der ursprünglich auch aus der Politik verbannt wurde und sich 2001 mit einer „gemäßigten“ Islampartei, der AKP, als Reformer empfahl. Die militante islamistische Bewegung Millî Görüş, Erbakans religiöse Wiedererweckungs- Organisation, aber überlebte seinen Sturz in Deutschland. Teilweise vom Verfassungsschutz beobachtet, kontrolliert sie heute mehr denn je Moscheen und türkische Vereine. Bei Recherchen in Duisburg-Marxloh, wo auffällt, dass auch schon junge Mädchen Kopftücher tragen, wurde mir das mit dem Einfluss und der Kontrolle von Millî Görüş von Türken begründet.

Mittlerweile soll es in den Türkenvierteln schon so weit sein wie in den französischen Banlieues, dass sich selbst junge Männer nicht mehr trauen, während des Ramadans tagsüber etwas zu essen.

Meine Begegnungen mit dem militanten Islam könnte ich hier seitenlang weiterführen, die alle geprägt waren von hochmütiger Intoleranz, von staatlicher und krimineller Gewalt und von politischem Machtanspruch.

Auf den Philippinen traf ich die Abu-Sajaf-Piraten, die angeblich für einen unabhängigen Moslemstaat kämpfen, die aber durch Erpressung, Raub und Schiffsüberfälle die Sulusee unsicher machen. In Südthailand geht es um fünf Provinzen, die für ihre Region die Scharia zum alleinigen Gesetz erheben wollen. In der indonesischen Region Aceh hat die Zentralregierung kapituliert und der Koran wurde zum Gesetzbuch erklärt. Der Bürgerkrieg ist nur abgeebbt, weil der Tsunami 2004 über 120.000 Leben kostete und die islamischen Rebellen nicht verschonte.

Es gibt keinen Staat, in dem gläubige Mohammedaner wohnen und in dem es nicht entweder Unruhen, Aufstände, Bürgerkriege mit Millionen von Flüchtlingen oder sogar Terror gibt – egal, ob der Koran schon Gesetzbuch ist oder aber die Aufständischen dafür kämpfen, dass die Scharia zumindest für die Moslems des Staates oberstes Gesetz wird. Und selbst das genügt den meisten Imamen von der Südsee über Südasien, Arabien, Nordafrika bis in die Sahelzone nicht. Als Beispiel mag dafür Malaysia dienen, wo die Religiösen fordern, dass ganze Teilstaaten komplett, also auch die Nichtmuslime, dem islamischen Recht unterworfen werden.

Bin ich jetzt islamophob, weil ich diesen Sachverhalt nüchtern beschreibe? Müssen jetzt nicht die obligatorischen Sätze folgen: „Man darf nicht verallgemeinern“, „nicht alle Moslems sind gewalttätig“, „solche Beschreibungen sind Wasser auf die Mühlen der Rechtsradikalen und Rassisten“ und „Religionsfreiheit ist Bestandteil unserer Rechtsordnung“?

Binsenweisheiten, Selbstverständlichkeiten, aber auch Ablenkungsmanöver.

Denn meine Ablehnung des in den meisten Staaten praktizierten und von der Mehrheit der aufrührerischen Imame geforderten Islams hat ganz bestimmt mit Rassismus nichts zu tun: Denn von dem Vormarsch der strengen Koranauslegung des Islams sind Malaien, Indonesier, Pakistanis, Kaukasier, Turkvölker, Araber, Europäer (Kosovo, Bosnien), Somalis und Schwarzafrikaner der verschiedensten Stämme betroffen. Die Auseinandersetzung geht um eine Religion, nicht um Rassen.

Nein, ich bin nicht islamophob. Ich habe nur eine tiefe Abneigung gegen alle autoritären und freiheitsfeindlichen Regime und Parteien, egal, ob sie sich auf Weltanschauungen oder Religionen berufen. Und ich habe keine Angst vor einer Islamisierung Europas, wenn wir die „westlichen Werte“, auf denen unsere Verfassungen beruhen, nicht aus falsch verstandener Toleranz in Frage stellen. Das bedeutet auch, dass ich keine Angst vor einer Million Zuwanderern habe, wohl aber vor Träumern, die das Konfliktpotential kleinreden, das unweigerlich vorhanden ist, wenn sich so viele Menschen in einer fremden Kultur zurechtfinden müssen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.


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