21. Januar 2016

Medienkritik Selbstanklage einer Domestikin

Was sind die Primärmotive?

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Bildquelle: shutterstock Unzensiert: Medien

Sie sollen, geneigter Leser, nicht glauben, mein kleiner Eckladen verwandle sich allmählich in eine medienkritische Schlupfbude. Wer mit einem Dreck ringt, mahnt ein altdeutscher Spruch, bekommt, er gewinne oder verliere, dreckige Hände. Doch wenn einer wie ich, der die schwachen Spätausläufer des Stalinismus noch erlebt hat, in der „Süddeutschen“ liest, wie eine freie Journalistin Selbstanklage erhebt – die „SZ“ formuliert: „WDR-Autorin geißelt sich selbst“ –, weil sie unter dem „Druck der Live-Situation“ im niederländischen Radio „Unsinn geredet“, nämlich zu Protokoll gegeben habe, die öffentlich-rechtlichen Sender seien angehalten, über Merkels Flüchtlingspolitik eher positiv zu berichten, wenn einer wie ich beziehungsweise nur ich dies denn also liest, kann dieser eine oder ich nicht an sich halten und muss es in seinem deutschen Deliriumsdiarium bon gré mal gré festhalten. Jeder weiß, dass die Gute nichts als die Wahrheit gesagt hat, dass die Entrüstung des Senders nur ein Sich-ertappt-Fühlen war und das prompte Statement, man berichte stets „ausgewogen und unabhängig“, ein Offizialwitz ist, wie er auch in der Spätzeit der DDR gern verkündet wurde – wobei ich jenen Desinfektionszwang, der mich damals nach jedem medialen Penetriertwerden heimsuchte, noch nicht mit dem Waschdrang gleichsetzen will, den Medienkontakt derzeit regelmäßig bei mir auslöst.

Nun, wie auch immer, die Maid, als freiberufliches Callgirl besonders auf das Wohlwollen ihrer Zuhälter angewiesen, tat jedenfalls Abbitte und sprach reuig: „Mir ist das ungeheuer peinlich. Denn ich bin niemals aufgefordert worden, tendenziös zu berichten oder einen Bericht in eine bestimmte Richtung zuzuspitzen.“ Auch das mag in gewisser Weise stimmen, denn während die SED-Chefpropagandisten den nachgeordneten Genossen Medienschaffenden sicherheitshalber exakt vorgaben, was sie zu melden und zu kommentieren hatten, ist der endaufgeklärte bundesrepublikanische Durchschnittsjournalist (Pleonasmus, ich weiß) so zugerichtet, dass er selber weiß, was von ihm erwartet wird, und im Glücksfall sogar wähnt, seine eigenen Ansichten vorzutragen, während er die herrschende Tendenz so sturheil befolgt, dass unsereinem der alte Kohl-Kalauer von der Gnade der späten Geburt durch die gnadenvoll spätgeborene Rübe rauscht.

Einschub: Ich habe mir früher gelegentlich und recht amüsiert ausgemalt, wie Stasi-Chef Mielke die Generäle der Hauptabteilung Aufklärung dafür lobt, dass sie die „Monitor“-Sendung des grämlichen Klaus Bednarz unter ihre Fittiche genommen hätten, und sich erkundigt, was der Mann denn dafür einstreiche, woraufhin die Belobigten verlegen mit den Schultern zucken und gestehen, dass sie überhaupt nichts getan hätten, der Mann mache das ganz von allein... – Einschub beendet.

Die Selbstanklage der WDR-Domestikin geschieht nur wenige Tage nachdem der Kriminologe Christian Pfeiffer, über dessen Diagnosen ansonsten das Nessoshemd allgemeinen Gelächters gebreitet sei, ausgeplaudert hat, dass man ihn im Staatsfernsehen vor einer Live-Sendung aufgefordert habe, nicht das Wort „Flüchtlinge“ zu erwähnen, wenn er über Kriminalität spreche. Nun gut, Pfeiffer ist kein Journalist, aber die Anweisung kam immerhin von Vertretern dieser Sparte, und sie ging an einen, wie man sagt, renommierten Experten, nicht an eine subalterne Freiberuflerin. Erinnern wir uns ferner daran, wie viel Zeit vergehen musste, ehe unsere Qualitätsmedien über die Silvesterkrawalle sich zu berichten buchstäblich genötigt sahen, was sie mit ihrer Sorgfaltspflicht zu begründen suchten, einer Pflicht, die in anderen Fällen keine Rolle spielt, etwa wenn in Sebnitz 800 Skinheads ein Ausländerkind ertränken, in einem Dresdner Asylheim das erste schwarze Pegida-Opfer von einem afrikanischen Landsmann erdolcht wird, ein von Pegida gesteuerter V-Mann die Kölner Bürgermeisterin ermordet, wenn Rechtsextremisten Medienschaffende von hinten krankschubsen oder Linksparteilern ihre Kneipenrechnung in den Unterarm kerben, dass es einen Diez graust.

Spotten wir nicht, „wir sind allzumal fehlbare Menschen“ (Thomas Buddenbrook). Außerdem sind das alles nur Petitessen, verglichen mit der schon vor mindestens einem Jahr politisch befohlenen und bis in die Gegenwart medial beflissen befolgten Desinformation größeren Stils über kriminelle Eindringlinge aus Nordafrika oder dem eben bekannt gewordenen, auf Befehl der grünroten Landesregierung exekutierten Ausschluss der AfD aus der SWR-Talkrunde vor den Landtagswahlen. Dass diese Spitzbuben, die von Demokratie offenbar nur wenig halten, quasi im selben Atemzug die Polen und Ungarn wegen staatlicher Bevormundung der Medien kritisieren, werde ich freilich nur dann für grandios erachten, wenn stichhaltige Beweise Indolenz, Spaltungsirresein und moralische Hybris als Primärmotive ausschließen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Acta diurna.


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